Releasekonzert von „Botticelli Baby“ im Bremer Pier 2 zeigt Stärken und Grenzen des „Club 100“-Konzepts auf

Per Hybrid in die Zukunft

Als Liveshows noch möglich waren: „Botticelli Baby“ bei der Jazzahead-Clubnight.
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Als Liveshows noch möglich waren: „Botticelli Baby“ bei der Jazzahead-Clubnight.

Bremen – „The boys are back in town”, diese Zeilen in Anlehnung an den Thin-Lizzy-Song postete die Band „Botticelli Baby“ unmittelbar vor ihrem Konzert im Bremer Pier 2 auf Instagram. Knapp zwei Jahre sind seit ihrem letzten Besuch in der Hansestadt vergangen, unter Bedingungen, die konträrer nicht hätten sein können: damals zwei intime Gigs im Foyer des Universums und einer im Schlachthof im Rahmen der Jazzahead, mit dichtem Gedränge vor der Bühne statt gähnender Leere in der Halle.

Damals stellten sie ihr 2018 entstandenes Album „Junk“ vor, im Pier 2 spielen sie fast ausnahmslos Lieder der brandneuen Platte.

Mit dem vierten Streaming-Konzert, das „Botticelli Baby“ seit Beginn der Pandemie spielt, feiern die Essener das Erscheinen ihres dritten Albums „Saft“ und einen neuen Sound. Als „ernsthafte Konversation“ hat Sänger Marlon Bösherz ihn vorab beschrieben, und das passt: War „Junk“, (keineswegs Schrott, sondern vielmehr die Verkürzung von „Jazz und Punk“) der Flirt in der Eckkneipe, rau, dreckig und direkt, so ist „Saft“ ein gepflegtes Restaurantgespräch: nuanciert, facettenreicher, durchgeplanter. Ein Studioalbum, das unter dem Einfluss von Corona entstanden ist? Mitnichten, „das Material haben wir schon 2019 aufgenommen“, erklärt Gitarrist Jörg Buttler, die Verzögerung des Releases seien durch die Engpässe beim Vinyl entstanden.

Den Wandel von der Band, die vor allem live funktioniert, hin zu einer, die verstärkt auch im Wohnzimmer auf dem Plattenteller oder in der Playlist landet, erklärt Buttler mit einem Reifungsprozess: „Wir wollen Songs machen, die auch jenseits des Augenblicks funktionieren.“ Überhaupt sei alles im Fluss – so werden die wenigen alten Nummern schon mal upbeat interpretiert und kommen doppelt so schnell daher. Vielleicht auch darauf spielt der Titel der Platte an, vor allem aber auf die musikalische Mixtur, die den „Saft“ des neuen Albums ausmacht, oder mit Buttlers Worten „Stilistiken, die sich wie ein Smoothie vermischen“ und die sich mit Prädikaten wie Balkanrock, Gipsyswing oder Ska-Groove nur ansatzweise umreißen lassen.

Einen Großteil des musikalischen Materials spielt das Septett mit neuem Saxofonisten das erste Mal live an diesem Abend im leeren Pier 2. Ist das im klassischen Sinne überhaupt ein Konzert oder doch eher eine Art Studio-Session? „Wohl irgendwas dazwischen“, befindet Buttler, „die Energie, die du beim Spielen abgibst, kommt nicht zurück.“ Die sieben Musiker agieren einander zugewandt im Kreis, „das hilft“, meint der Gitarrist. Bei einem Streaming-Konzert in der Essener Zeche Carl habe man in einer Reihe gestanden, „das hat überhaupt nicht funktioniert, das war furchtbar!“

Zwischen den Stücken: Entferntes Johlen und Klatschen von Technik und Catering, Sänger Marlon Bösherz singt und spricht immer wieder direkt in die Kamera, freut sich, als der Kameramann grinst. Die Leere des fehlenden Applauses überbrücken die Jungs mit einigen internen Wortwechseln. „Das habe ich so noch nicht erlebt“, freut sich Zuschauerin Julia von Wild, die bis jetzt alle fünf aus dem Pier 2 gestreamten Veranstaltungen am Bildschirm verfolgt hat.

Sie ist Mitinitiatorin des unter dem Titel „Club 100“ firmierenden Projekt, zu dem sich Bremer Kulturschaffende zusammengetan haben, um Bands, aber auch den vielen mit dem Live-Sektor zusammenhängenden Professionen eine Möglichkeit des Überlebens zu bieten. Insgesamt 40 sollen es werden –¯ eigentlich seien gar nicht so viele als Streams geplant gewesen. „Wir konnten ja nicht ahnen, dass wir mitten im Lockdown starten“, so von Wild. Die Entscheidung, jetzt erst recht ein Zeichen zu setzen, fand überregionale Beachtung.

Vielleicht, weil das Leuchtturmprojekt der scheinbaren Ausweglosigkeit der gegenwärtigen Pandemie trotzig einen Ausweg entgegensetzt, vielleicht aber auch, weil man ein so ambitioniertes Projekt ausgerechnet aus dem Bundesland Bremen nicht erwarte, so ihre Mutmaßung. Und das haben sich der Bremer Senat und die Wirtschaftsförderung einiges kosten lassen: Bislang wird das Streamingprojekt im Rahmen von „Club 100“ mit rund 245 000 Euro gefördert, gerade wurden die Projektmittel für den Aufbau einer kombinierten Live-Streaming-Plattform um bis zu 90 000 Euro aufgestockt – für von Wild ein Zeichen, dass Kultur wertgeschätzt wird.

Dies zeigten übrigens auch die Reaktionen der Zuschauer, die für die Streams laut von Wild bewusst zur Kasse gebeten werden: Die Zahlen liegen über denen, die die Bands bei Clubkonzerten einspielen würden. „Pohlmann hatte an die 1 000 Zuschauer, Milliarden lagen sogar darüber“, so das Vorstandsmitglied des Vereins „Clubverstärker“. Sie hält ein Hybridkonzept mit Streaming als Ergänzung zu Livekonzerten mit Publikum vor Ort auch über die Pandemie hinaus für ein denkbares zukunftsfähiges Konzept.

Von Ulla Heyne

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