Ray Wilson emanzipiert sich in der Worpsweder Music Hall von Genesis

Von der Peinlichkeit befreit

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Klangliche Collagen aus tiefer und dennoch lebensbejahender Melancholie: Ray Wilson bei seinem Auftritt in der Music Hall Worpswede. ·

Von Ulf KaackWORPSWEDE · Es war ein Abend der freundlich-warmen Moll-Akkorde, den der Schotte Ray Wilson mit seiner Band „Stiltskin“ am vergangenen Sonnabend in der Music Hall Worpswede zelebrierte. Voller Kraft und gefühltem Tiefgang.

Und ein musikalischer Befreiungsschlag gegen sein langjähriges Genesis-Trauma, das der ewig unterbewertete letzte Sänger der britischen Rock-Giganten in der Nachfolge von Phil Collins in der Vergangenheit zu verarbeiten hatte. Schwer tat er sich so manches Mal damit.

„In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein“ – den Wahrheitsgehalt dieses Zitates von Andy Warhol musste der schottische Sänger auf eine durchaus schmerzliche Weise erfahren: Er war kein Megastar als Frontman seiner Gruppe „Stiltskin“, aber er war etabliert in der Branche und wurde international wahrgenommen. Als ihn 1996 der verbliebene Rest von Genesis für das Album „Calling all Stations“ ans Mikrofon holte, ging für den Schotten über Nacht das Märchen von Aschenputtel in Erfüllung.

Doch nach dieser einen Produktion war der Traum bereits wieder geplatzt. Die Genesis-Reuniontour fand 2007 ohne ihn statt. Nicht einmal im Vorprogramm war Platz für ihn. So tourte Ray Wilson in den vergangenen Jahren nahezu unablässig mit „Stiltskin“ und als Solist, griff dabei immer wieder Songmaterial von Genesis auf – manchmal bis an den Rand der Peinlichkeit.

In Worpswede spielte er befreit von diesen Altlasten auf, bediente sich konsequent der eigenen Kompositionen. Das Ensemble präsentierte bewährtes Material, klanglich oftmals von schwermütiger Dramaturgie durchwoben: „Fly high“, „Lemon yellow Sun“ und „Constantly reminded“ agierten wie viele Songs ganz nah an der Ballade. Getragen von einem fetten Gitarrensound und einem dichten Keyboardfundament entstand ein rockiges und gleichsam episches Gesamtklangbild. Und auch die Stücke aus dem neuen Album „Unfulfillment“ waren von dieser Couleur: „First day of Change“ oder „Accidents will happen“ fügten sich nahtlos ein, bargen keinerlei stilistische Überraschungen in sich. War auch nicht nötig, hatte niemand erwartet.

Natürlich ging es nicht vollkommen ohne Genesis, doch verzichtete Ray Wilson konsequent auf Titel, an denen er nicht beteiligt war. Umso wuchtiger und angenehm entpoliert kamen „Calling all Stations“, „Shipwrecked“ und „Not about us“ daher. Geradezu rotzig stampfend, von dumpfen afrikanischen Trommelrhythmen unterlegt, wirkte „Congo“ – ein Stück, das Wilson nach eigenem Bekunden nicht ausstehen kann und eigentlich niemals live performen wollte. Sein Sinneswandel in dieser Sache entpuppte sich als eine gute Entscheidung.

Die Instrumentierung war vergleichsweise opulent. Gleich acht Musiker versammelte Wilson um sich auf der Bühne – drei Gitarristen, zwei elfenartig agierende Violinistinnen, Bassist, Keyboarder und Schlagzeuger. Alles ehrliche Handwerker an ihren Instrumenten, frei von Gimmicks und digitaler Effekthascherei. Was aus den Lautsprechern kam war echt. Dabei bestach das Ensemble nicht so sehr durch Virtuosität, sondern durch klangliche Geschlossenheit und Spielfreude.

Brillant verstanden es Ray Wilson und seine Mitstreiter, das überwiegend aus gereiften Mitvierzigern bestehende Auditorium in ihren Bann zu ziehen. Gekonnt zeichneten sie klangliche Collagen aus tiefer und dennoch lebensbejahender Melancholie, aus verhangen-sanfter Leichtigkeit und kraftstrotzender Dynamik. Fast drei Stunden angewandter musikalischer Schwermut ging mit den beiden Zugaben „American Beauty“ und „The 7th Day“ aus dem aktuellen Album von Ray Wilson und „Stiltskin“ zu Ende. Schön war’s mal wieder.

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