Das Paula Modersohn-Becker Museum widmet Per Kirkeby eine Retrospektive

Auch der Turm ist Kunst

Der Verkehrsturm der BSAG auf der Domsheide ist die einzige Backsteinskulptur von Per Kirkeby, die eine tatsächliche Funktion hat.
+
Der Verkehrsturm der BSAG auf der Domsheide ist die einzige Backsteinskulptur von Per Kirkeby, die eine tatsächliche Funktion hat.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Menschen hasten an den Haltenstellen vorbei, eine Straßenbahn biegt läutend um die Ecke, während der Bus der Linie 26 seine Passagiere in den strömenden Regen entlässt: Mitten in all dem Trubel auf der Domsheide steht er, der Verkehrsturm der Bremer Straßenbahn AG (BSAG). In unauffälligem roten Backstein ist er sowohl Zentrum als auch umstrittener Fremdkörper – und ein Kunstwerk im öffentlichen Raum.

1988, die Straßenbahnanlage an der Domsheide soll umgestaltet werden, und mit ihr der gesamte Platz. Klar, dass auch die BSAG-Leitzentrale nicht einfach in einem Verschlag untergebracht werden kann. Die Baubehörde, allen voran der damalige Senatsdirektor Eberhard Kulenkampff, hat daher Großes vor: Kein Geringer als Per Kirkeby soll das neue Gebäude entwerfen.

Herausgekommen ist eine monumentale Backsteinskulptur, übrigens die einzige des Dänen mit tatsächlicher Funktion, aus der noch bis 2009 aktiv die Weichen gestellt werden. Doch nicht nur das: Der Turm mit dem einem griechischen Kreuz nachempfundenen Sockel und den runden Fenstern ist auch Manifest der dauerhaften Verbindung zwischen einem der facettenreichsten Gegenwartskünstler unseres Nachbarlandes und der Hansestadt. Ein ziemlich bedeutungsschwangeres Bauwerk also, von etlichen jeden Tag umrundet und doch vielen ein Dorn im Auge, was die Abrissdiskussion im Jahr 2012 einmal mehr bewiesen hat.

Nichtsdestotrotz, oder vielleicht gerade deshalb, widmet das Paula Modersohn-Becker Museum dem promovierten Geologen und Allroundkünstler ihre aktuelle Ausstellung, die erste des neuen Leiters Frank Schmidt. Unter dem Titel „Per Kirkeby. Werke aus dem Louisiana Museum of Modern Art“ sind 56 Gemälde, Bronzemodelle, Zeichnungen und Aquarelle zu sehen, die die künstlerische Entwicklung des Dänen in thematisch gegliederten Räumen abbilden. Von den 60ern bis ins Jahr 2013 reicht die Retrospektive und zeigt die Veränderungen im künstlerischen Schaffen Kirkebys. Waren es zu Beginn noch ganz klar die Pop-Art und deren knallige Farben, die sich in den Werken wiederfanden, konzentriert sich der Maler mit zunehmenden Alter auf die abstrakte Darstellung der Natur.

Genau in diesem Aspekt findet das Paula Modersohn-Becker Museum Parallelen zu den Gemälden der Namensgeberin und Hausmalerin. Ein durchaus griffiger Vergleich, wie ein Gang durch die beeindruckende Werkschau zeigt. Auffallend ist dabei der Dialog mit der Natur, der beiden Künstlern eigen ist, allerdings nicht als bloße Reproduktion des Gesehenen. Die Abbildung der Natur ist hier vielmehr das Ergebnis eines reflektierten Vorgangs, der sich bei Kirkeby in allen Ebenen der Werke zeigt. Ähnlich wie in einem Querschnitt schichtet er horizontal schemenhafte Baumstümpfe, gemaserte Holzbretter und dunkle Wälder aufeinander – Farben und Formen natürlich strikt voneinander getrennt.

Dabei fallen vor allem die leuchtenden Töne des Spätwerks ab der Jahrtausendwende auf. Immer wieder mischt sich helles Grün in warme, wesentlich dunklere Schichten. Überraschend für einen Künstler, der von sich selbst sagt: „Ich hasse eigentlich Grün“. Doch egal wie groß die Abneigung auch sein mag, wer die Natur malen möchte, kommt natürlich nicht am satten Grün des Frühlings vorbei. Obwohl die knalligen Farben im Laufe des Malprozesses so manches Mal von dunklem Braun überlagert werden. Kein Wunder, braucht Kirkeby für seine Gemälde doch häufig ein ganzes Jahr – da ist vom Frühling höchstens noch eine Erinnerung übrig. Genauso wie vom Panorama vor der Haustür, dass nur schemenhaft zu erkennen ist. Wer sich also der Bedeutung der Bilder von Per Kirkeby nähern will, ist häufig auf die Titel angewiesen.

So auch in „Fram“ aus dem Jahr 1983, das wie eigentlich alle Werke voller Erzählungen, Moral und Philosophie steckt. Von einer dunklen Grundfläche heben sich weiße Schattierungen ab, während rechts oben in der Ecke ockerfarbene Linien einen umgefallenen Stillleben-Becher andeuten. Auf einer Tischplatte, dargestellt durch einen waagerechten Strich, rollt er in der Mitte der Fläche hin und her. Soviel zum Offensichtlichen, denn Per Kirkeby will eigentlich viel mehr sagen: Der Tisch ist nämlich gar kein Tisch, er ist die Fram, das Schiff des dänischen Polarforschers Fridtjof Nansen, auf dem Weg durch Caspar David Friedrichs „Eismeer“. Aha. Und beim genaueren Hinsehen zeigen sich tatsächlich Eisschollen, die auch in Friedrichs Bild vorkommen. Wer sich Kirkebys Gemälden annähern möchte, muss eben vor allem Zeit, Geduld und Fantasie mitbringen.

Das gilt auch einmal mehr für den viel gescholtenen Verkehrsturm. Im Zuge der Ausstellung wird er noch bis zum 5. Juni zur Lichtinstallation, die auf seine Doppelfunktion aufmerksam machen soll – damit der Backsteinturm endlich auch von den hastenden Pendlern als Kunstwerk wahrgenommen wird.

„Per Kirkeby. Werke aus dem Louisiana Museum of Modern Art“, die Ausstellung dauert noch bis zum 5. Juni,

Paula Modersohn-Becker Museum, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis

18 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Bremens Kultursenator Andreas Bovenschulte: „Kunst folgt eigenen Gesetzen“

Bremens Kultursenator Andreas Bovenschulte: „Kunst folgt eigenen Gesetzen“

Bremens Kultursenator Andreas Bovenschulte: „Kunst folgt eigenen Gesetzen“
Einfach nur grundehrlich

Einfach nur grundehrlich

Einfach nur grundehrlich
Auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe
„Der Riss“: Mit Reporterglück

„Der Riss“: Mit Reporterglück

„Der Riss“: Mit Reporterglück

Kommentare