Neues Relief verschafft Blinden und Sehbehinderten ein Bild von Modersohn-Becker

Paula mit Gefühl

Luft gegen Späne: Peter Schwartz an der Fräse.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Nachdem er mit den Fingern ausgiebig über Paula Modersohn-Beckers Gesicht, ihre Haare und ihren Oberkörper gefahren ist, bleibt Joachim Steinbrück nur noch eine Frage: Welche Haarfarbe hat sie? Der Landesbehindertenbeauftragte Bremens konnte bis zu seinem 15. Lebensjahr sehen; seit die Welt im Dunkeln verschwand, malt er Bilder im Kopf. So auch Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, das gestern als Relief vorgestellt wurde.

Ein Projekt, das dazu beitragen soll, dass zumindest ein Exponat aus der Sammlung des Paula-Modersohn-Becker-Museums auch für Menschen mit Sehbehinderungen erfahrbar wird. Führungen für diese Zielgruppe gibt es im Haus an der Böttcherstraße schon länger. Und obwohl das Interesse an dem Angebot groß ist, reichte dies nicht.

Denn besonders in der Vorbereitung zur aktuellen Schau „Ich bin Ich – Paula Modersohn-Becker. Die Selbstbildnisse“ wurde Claudia Klocke, Leiterin PR und Marketing, sowie anderen Teilen des Teams schnell klar, dass man sich Modersohn-Beckers Selbstporträts nicht über bloße Beschreibung nähern kann. „Irgendwann kam uns der Gedanke, dass das Thema Selbstbildnis für Menschen mit Sehbehinderung vielleicht zu abstrakt ist“, erinnert sich Klocke.

Denn die Auseinandersetzung mit dem eigenen Aussehen und der Reaktion anderer darauf, worauf ein Selbstporträt fußt, spielt im Leben von Menschen, die wenig oder gar nichts sehen, eine nicht ganz so gewichtige Rolle. Wie soll man dieser Gruppe ein Selbstbildnis also nahebringen, wenn doch die Rezeption eine völlig andere ist? In dem man es fühlbar macht. Aus einem zweidimensionalen ein dreidimensionales Werk zum Anfassen schafft. Eine nicht ganz einfache Aufgabe. In Peter Schwartz und seiner Firma 3DHB fand das Museum schließlich jemanden, der per 3D-Druck ein Relief erstellen kann. Blieb nur die Frage, welches Gemälde es denn sein sollte. Die Wahl fiel recht schnell auf das „Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag“ – das Schmuckstück der hauseigenen Sammlung.

Aber trifft solch ein Porträt überhaupt die Bedürfnisse von Blinden und Sehbehinderten? Um das zu ergründen war der Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen von Beginn an in die Planungen involviert. Dabei fiel vor allem eines auf: wie wenig die Sehenden die Bedürfnisse all jener verstehen, die nicht oder nur schlecht sehen können. „Bestimmte Dinge müssen im Druck überzeichnet werden, damit überhaupt klar wird, das ist jetzt ein Arm“, verdeutlicht Klocke. Auch wurde schnell deutlich: Den Druck einfach nur auszulegen, würde nicht funktionieren. Auch wenn die Erhebungen im Relief das Sehen durch Fühlen ermöglichen, braucht es jemanden, der erklärt, wo genau man sich befindet. Folglich ist das „Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag“ nicht immer Teil der Exponate. Es wird nach der gestrigen Präsentation für spezielle Führungen herausgeholt.

Zurück zu Peter Schwartz von 3DHB: Nachdem er das Bild im Museum in Augenschein genommen hatte, ging die Arbeit für den Diplomdesigner erst richtig los. Nach dem Studium an der Bauhaus-Universität in Weimar landete er 2013 wieder in Bremen und machte sich nun in wochenlanger Kleinarbeit daran, aus der Flachware etwas zum Anfassen zu formen.

„Das ist eine Aufgabe, die mich sehr herausgefordert, aber auch vom künstlerischen Aspekt her angesprochen hat“, erinnert sich Schwartz bei einem ersten Besuch in seiner Werkstatt. Dort stehen die Arbeitsschritte zunächst am Computer an. Dazu greift Schwartz mittels eines 3D-Programms auf das liegende Bild zurück. „Ich habe das dann erst mal in verschiedene Ebenen eingeteilt, um anatomisch zu begreifen, wo genau welcher Körperteil gelagert ist“, erklärt der Produktdesigner.

Ausgehend davon überlagert er Schritt für Schritt das Originalbild und schafft so langsam eine 3D-Optik. „Es ist, als würde ich virtuell mit Ton arbeiten, der aus meinem Finger sprießt. So kann ich manche Körperteile weicher modellieren“, sagt Schwartz und malt mit einem Stift auf seinem Tablet herum. Und während er über Paula Modersohn-Beckers auf dem Schwangerschaftsbauch liegenden Arm gleitet, entsteht aus dem Bild langsam eine 3D-Figur, die sich drehen, kippen und von allen Seiten betrachten lässt. Eine mühsame Arbeit – allein für das Gesicht hat der Bremer eine Woche gebraucht.

Und es ist eine Arbeit, die nicht unbedingt um anatomische Korrektheit bemüht ist. „Damit ein Blinder das Ganze erfassen kann, muss ich die einzelnen Körperteile überzeichnen“, verdeutlicht Schwartz. Das bedeutet auch: Alles was für die Rezeption nicht unbedingt von Bedeutung ist, muss weg. Wie die grüne Tapete im Hintergrund, die für Sehende ein wichtiger Bestandteil des Werkes ist, einen Menschen, der sich das Bild tastend erschließen muss, aber nur verwirren würde. „Man muss sich dabei ein bisschen von der kompletten Naturtreue verabschieden“, schildert Klocke das Vorgehen.

Warum, das wird bei einem zweiten Besuch einige Wochen später deutlich. An diesem Tag ist das laute Brummen der CNC-Holzfräse bereits von Weitem zu hören. Schicht für Schicht hat die Maschine zunächst von einem Eichenholzblock die oberen Schichten abgetragen und ist gerade dabei, den Übergang zwischen jenem Bettlaken, das den Unterkörper der Künstlerin einhüllt, , und dem Bauch der Schwangeren zu schaffen. Natürlich automatisch, Peter Schwartz hat das vom Museum abgenommene 3D-Modell per Computerprogramm für die Fräse geschaffen. Schritt für Schritt arbeitet sich die Maschine dabei durch Zehntausende Koordinaten, bewegt sich immer zwischen drei Achsen entlang und schafft so innerhalb von 14 Tagen aus einem Block aus geleimten Eichenplatten ein Abbild von Paula Modersohn-Beckers Werk. Und zwar fast allein.

Dennoch muss Peter Schwartz immer einen Blick auf die Fräse haben, schließlich liegt unter ihr das Endprodukt. Wie genau dies aussehen wird, lässt sich aber bereits an diesem Tag feststellen, denn der Mann hinter dem Werk hat eine kleinere Probefräsung geschaffen. Und tatsächlich: Wer die Augen schließt, kann es erfühlen, das Gesicht der Bremer Künstlerin. Kann begreifen, wo der Mittelscheitel sitzt, wo die Haare die Richtung ändern und zu einem Dutt nach hinten führen. Ertastet den Unterschied zwischen den Falten des schützenden Lakens und der straffen Haut ihres Bauches.

Für Sehende ist dies natürlich faszinierend, kommt dem Eintauchen in eine fremde Welt nahe. Aber wie ist das für die Zielgruppe des ganzen Projekts? Die zeigt sich gestern Nachmittag bei der Vorstellung des nun geschliffenen und geölten Werkes, schließlich soll sich hier niemand einen Splitter ziehen, begeistert. „Die Differenzierungen sind sehr schön zu ertasten. Wie sie den Kopf hält. Es fühlt sich einfach schön an“, sagt Joachim Steinbrück. Warum? Nicht nur der Form, sondern auch des Materials. „Bei Reliefs aus Kunststoff schwitzen oft die Hände – und dann ist das Fühlen schwierig.“

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