„Fast eine Revoluzzerin“

Paul-Georg Dittrich inszeniert „Lucia di Lammermoor“ am Theater Bremen

+
„In der Ehrlichkeit liegt der Schlüssel“: Nerita Pokvytyte (v.l.), Paul-Georg Dittrich und Hyojong Kim bei der Arbeit.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. In Walter Scotts Roman „Bride of Lammermoor“ (1819), auf dem Gaetano Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“ basiert, wird die Titelfigur in Machtkämpfen zwischen den herrschenden Clans Englands und Schottlands zerrieben. Die historischen Hintergründe werden in Donizettis Oper – der 42. von insgesamt 68 – zugunsten des menschlichen Leidens zurückgedrängt. Das heißt nicht, dass die menschlichen Konflikte in der Oper nicht politisch wären. Lucias Heirat mit Arturo Bucklaw könnte die Familie Ashton vor dem Untergang retten. Lucia ist aber heimlich verlobt mit Edgardo Ravenswood und ersticht im Brautbett ihren Gatten. Geistig verwirrt wähnt sie sich mit Edgardo vereint. Paul-Georg Dittrich inszeniert das düstere Geschehen im Belcanto-Gewand in Bremen.

Herr Dittrich, haben Sie die Schönheit des italienischen Belcanto gegenüber dem grauenhaften Geschehen als Widerspruch empfunden? Der Musikwissenschaftler Hans Heinz Stuckenschmidt hat einmal gesagt: „In Gesangsopern wie der Lucia hat der Regisseur keine große Aufgabe, dafür aber auch keinen leichten Stand.“

Paul-Georg Dittrich:

Dem würde ich sofort zustimmen. Weil es eine Frage ist, wie man den Begriff der „Schönheit“ für sich definiert. Diese wird doch erst deutlich im Kontrast durch die Sehnsüchte, Abgründe und Schmerzpunkte der Figuren. Belcanto ist inszenatorisch deshalb so schwierig, weil es sich um hochemotionale und existenzielle Äußerungen handelt. Die Figuren singen um ihr Leben. Das muss man in jedem Moment auf der Bühne begründen und erfahrbar machen.

Nach der Bluttat wird Lucia wahnsinnig. Wie fassen Sie ihren komplexen Charakter?

Dittrich:

Es ist mir sehr wichtig, Lucia keinesfalls als passiv und leidend erscheinen zu lassen. Gleich am Anfang unserer Inszenierung, noch bevor Donizettis Handlung einsetzt, lehnt sie sich gegen ihren Bruder auf und versucht, aus seiner rigiden Welt auszusteigen. Sie folgt ihrer Sehnsucht und funktioniert innerhalb der sie umgebenden Gesellschaft wie ein freies Radikal, dem durch Manipulation und Intrige immer mehr Kraft geraubt wird. Und im Moment, in dem man glaubt, sie hat sich ihrem Schicksal ergeben, entscheidet sie sich doch für ihre Liebe zu Edgardo und gegen den Bruder, gegen die Zweck- und Zwangsehe mit Arturo. Somit ist Lucia ein Freigeist, ja fast eine Revoluzzerin.

Die Geschichte ist historisch gebunden. Wo und wann spielt Ihre Lucia?

Dittrich:

Wie in unseren letzten beiden Stücken am Theater Bremen versuchen wir auch „Lucia di Lammermoor“ nicht zeitlich zu verorten, sondern Elemente und Themen aus dem Stück herauszugreifen und mit Chiffren unserer modernen Zeit zu kombinieren. So haben wir dieses Mal eine Kunstwelt entworfen, eine eigene fiktive, dystopische Welt, die die Gesellschaft um Lucia verzerrt und ihre Deformationen sichtbar macht. Sie macht Lucia wahnsinnig und hindert sie daran, glücklich zu sein, ihrer Liebe zu folgen. Unter allem aber liegt eine fundamentale und zeitlose Frage: Gibt es die wahre Liebe noch, oder ist sie mittlerweile zur Ware, zum Kapital, geworden? Davon ausgehend stoßen zwei unterschiedliche Lebens- und Liebesentwürfe aufeinander und werden auf der Bühne in einem schauerromantischen Märchen lebendig.

Die heute übliche Flöte in der großen Wahnsinnsarie war ursprünglich eine Glasharmonika mit ihrem mysteriösen Klang.

Dittrich:

Wir haben tatsächlich eine Glasharmonika auf der Bühne. Sie symbolisiert die innere Stimme der Lucia. Für mich hat der Mord an Arturo nichts mit Wahnsinn zu tun, sondern er ist ein rebellischer, aktiver Akt, Lucias klarster und entschiedenster Moment. Sie ist ganz bei sich und weiß, was sie tut. Und das verstärkt der poetische und zugleich mystische Klang der Glasharmonika.

In der Rolle der Lucia hat Maria Callas Interpretationsgeschichte gemacht. Die Partie verlangt einen Koloratursopran, dem aber oft die lyrische Expressivität in der Mittellage fehlt. Die ausdrucksstarken Lyrikerinnen schaffen aber meist die Koloraturen nicht. Welchen Stimmcharakter entwickelt Nerita Pokvytyte?

Dittrich: Ich arbeite seit mehr als sechs Wochen mit Frau Pokvytyte zusammen und kann sagen, dass ihre große Stärke in der emotionalen Direktheit liegt. Sie durchdringt auf ganz eigene Art und Weise die Musik und die szenischen Situationen und versucht in jeder Sekunde, sich den musikalischen Mantel von Gaetano Donizetti zurechtzuschneidern. Dabei verfolgt sie ein wesentliches Ziel: Ehrlichkeit innerhalb der Musik und Szene.

Welche Argumente für die Szene ziehen Sie aus der Musik, zum Beispiel aus der Wahnsinnsarie und dem unerhörten Sextett am Ende des zweiten Aktes?

Dittrich: Bei der Wahnsinnsarie entspringt die Szeneninspiration aus einer einzigen Person, die die Utopie ihrer Hochzeit beschreibt. Gesang wird zur Traumbeschreibung und Lucia zu einer Malerin ihrer eigenen Welt. Das Sextett dagegen wirkt sehr hermetisch. Sechs Stimmen, die inhaltliche Variationen des gleichen emotionalen Zustandes veräußern. Hierbei wird eine wesentliche Schwierigkeit von Belcanto sichtbar, vor allem für den Regisseur.

Der gesamte dritte Akt gehört dem Tenor – was nicht wenige Sängerinnen als Nachteil empfinden. Warum endet die Oper nicht mit dem Gesang der Primadonna?

Dittrich: Zu Beginn der Oper wird „nur“ über den Rivalen und Erzfeind gesungen. Kurz schimmert die Liebesbeziehung im ersten Akt auf. Ein fragiler Lichtblick, bevor die Tragödie ihren Lauf nimmt und Lucia ihrem Geliebten im zweiten Akt die kalte Schulter zeigt. Erst im dritten Akt wechselt die narrative Perspektive auf die Figur von Edgardo. Eine Art „Zoom-in“ – wie in der modernen Filmdramaturgie – auf diese Figur, die eine ähnlich emotionale Achterbahn durchlebt wie Lucia. Man kann sagen, dass die beiden Liebenden nie richtig zusammenkommen. Erst im Tod scheinen sie sich zu finden. Aber was muss das für eine Welt sein, in der sich der Selbstmord als scheinbare Erlösung entpuppt?

Wer sind diese Männer überhaupt, der Bruder von Lucia, der eine miese Intrige in Gang setzt, und ihr Geliebter, der unkontrolliert seinen Gefühlen ausgesetzt ist?

Dittrich: Lucias Bruder Enrico ist eine weitere tragische, ja fast traurige Figur im Kosmos von Donizetti. Er trägt das gesamte Erbe seiner Familie auf den Schultern. Die sind viel zu klein dafür, doch er ist verdammt dazu, seinem Haus neuen Glanz zu verschaffen. Unter diesem enormen Leistungsdruck instrumentalisiert er sein eigen Fleisch und Blut. Zudem wird er von seinen Gefolgsleuten unmerklich ausgespielt. Jeder gegen jeden, eine Gesellschaft voller Egoisten. Schwächelt jemand, wird er gnadenlos ersetzt. Edgardo wiederum hat schon zu Beginn alles verloren. Er ist der einzig Übriggebliebene seines Stammes, und in dem Moment, wo ihm Lucia entsagt und den letzten Lichtblick im Leben nimmt, überkommt ihn ein unbändiger Furor.

„Opiatische Schönheitsräusche von gegenstandsloser Fadheit“, „Donizetti mit seiner ungenierten schlaffen Manier“, urteilte einst Richard Wagner, sprach von „perfiden Kunststückchen und unausstehlichen Primadonnen-Zierrathen“. Wie sehen Sie solche Urteile heute?

Dittrich: Ich kann Wagners Aussage grundsätzlich verstehen, doch umso mehr müssen die Solisten auf der Bühne und natürlich auch das künstlerische Team dagegenhalten. In der absoluten Ehrlichkeit der Gefühlswelten der Figuren liegt der Schlüssel. Das Motto lautet: um sein Leben singen!

Premiere: Sonntag, 18 Uhr, Theater Bremen am Goetheplatz

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Großrazzia gegen illegale Geldtransfers ins Ausland

Großrazzia gegen illegale Geldtransfers ins Ausland

In Neuseeland: Nasenkuss für Charles und Camilla

In Neuseeland: Nasenkuss für Charles und Camilla

Erbitterter Streit: Politik für "Anti-Windkraft-Taliban"?

Erbitterter Streit: Politik für "Anti-Windkraft-Taliban"?

Bambi-Verleihung: Prominente Preisträger und royaler Glamour

Bambi-Verleihung: Prominente Preisträger und royaler Glamour

Meistgelesene Artikel

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Kommentare