Gertrud Schleisings Häuser zeigen im Bremer Gerhard-Marcks-Haus den städtischen Alltag ohne seine ernste Fassade

Pathos mit weißen Kugeln

Und wer wohnt hier? Styropor-Haus von Gertrud Schleising.

Von Johannes BruggaierBREMEN · Am Wochenende, wenn die Weihnachtsgans aufgegessen, die Lieder gesungen und die Geschenke ausgepackt sind, landet wieder Kunst im Müll. Unbemerkt und in rauen Mengen.

Es sind die ästhetischen Gegenstücke zu den rein funktionalen Geräten, die alljährlich unter deutschen Christbäumen liegen. Sie sind meistens weiß und bestehen aus lauter kleinen Kugeln: eigentümlich geformte Styroporskulpturen, passgenau angefertigt, um Videokameras oder DVD-Spieler vor Transportschäden zu schützen.

Tatsächlich bedeuten sie mehr als das. Sie bedeuten die Verletzbarkeit unserer technisierten Gesellschaft. Sie bedeuten auch die Feier des modernen Funktionalismus. Und sie bedeuten auch Sehnsucht nach Geborgenheit, projiziert auf Apparaturen unseres Alltags. Das alles bedeuten sie – wenn man es nur will.

Im Gerhard-Marcks-Haus hat sich nun Gertrud Schleising der so oft verkannten Exponate angenommen. Unter dem Titel „Penthouse“ lässt sie die Styroporgebilde so einiges über sich und unser Leben erzählen. Über sich erzählen sie etwa, dass die öffentliche Nennung des Begriffs Styropor streng genommen Schleichwerbung darstellt. „Polystyrol“ nennt sich der Stoff eigentlich, das bekanntere Synonym ist ein Handelsname.

Ihre Berichte über das Leben ihrer ignoranten Besitzer, der Wegwerfgesellschaft also, fallen erwartungsgemäß kritisch aus. Ein großes Exemplar, das früher vielleicht einmal ein Faxgerät beherbergte, ist nun ein mächtiges Fabrikgebäude. Oben lassen elektronische Bauelemente auf spannungsgeladene Produktionsprozesse schließen, einem Messgerät hingegen ist zu entnehmen, dass kaum Druck im Kessel ist: Sein Zeiger tendiert gegen Null. Weiter unten markieren aufgeklebte Fassadenbilder die Büroräume, während sich im Erdgeschoss die Tochter des Firmenchefs im Wohnzimmer langweilt. Einsam wippt die kleine Puppe auf ihrem Stuhl am Esstisch, Spielzeug ist weit und breit nicht zu sehen, an den Wänden bloß die Ahnengalerie: alles ernst dreinblickende Herren, einer von ihnen wird wohl Papa sein. Die industrielle Arbeitswelt erweist sich als trennendes Element, als klare Unterscheidung zwischen Beruf und Privatem, zwischen Eltern und Kindern.

Ein anderes Gebäude reflektiert auf reizvolle Weise das Selbstverständnis städtischer Kulturbetriebe. Es handelt sich nämlich ganz offenkundig um eine Galerie. Oben gewähren offene Fenster einen Einblick in metallisch lilafarbene Räume, auf dem Boden ragt bedeutungsschwanger die Spitze eines Kugelschreibers empor. Auf der Außenwand heischen um Originalität bemühte Zeitungsüberschriften nach der Aufmerksamkeit des intellektuellen Publikums: „Die AlltäglicHarmonie“ etwa oder einfach nur „Realitäten in Deutschland“. Auch die Irritation ist anscheinend längst Routine geworden, und was einst für einen künstlerisch ambitionierten Ausbruch aus gesellschaftlichen Konventionen stand, ist heute allenfalls noch der PR-Gag einer Marketingabteilung.

Schleisings wiederverwertete Verpackungen ironisieren im besten Fall das Pathos der westlichen Zivilisation: die strenge Arbeitsmoral wie auch das Lob der Intellektualität – alles letztlich aus Styropor gebaut und damit aus dem Abfall der Konsumenten. Im schlechteren Fall verblasst die ironische Brechung. Dann werden aus Styroporkonstruktionen billige Spielereien, und an die Stelle kritischer Ambitionen tritt naive Puppenhaus-Ästhetik. Das gilt etwa für das mutmaßliche Bordell, vor dessen blauem Vorhang ein roter Reflektor leuchtet, während unter dem Dach ein Herz mit der Aufschrift „Venezia“ grüßt. An der Seitenwand werden lange Frauenbeine sichtbar, allein: Mehr als kindliche Freude an der Bastelei ist diesem Bau nicht zu entnehmen.

Die Verpackung an sich, so viel lässt sich immerhin daraus lernen, ist wohl doch keine Kunst. Man darf also fleißig wegschmeißen am Wochenende. Und wen dennoch Skrupel plagen, der sammelt einfach für Gertrud Schleising.

Bis 6. März 2011 im Gerhard Marcks Haus, Pavillon.

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