Cathy Wilkes steht in der Bremer GAK zur eigenen Biografie und Befindlichkeit

Pathos und Pappmaché

Bremen - Von Rainer BeßlingManchmal bleibt der Ausstellungsraum der Bremer GAK ein Flur. Der Blick fällt auf die Exponate und verliert sich gleichzeitig in einer Tiefe, die zum Nähertreten aufruft, den Besucher aber nicht wirklich ankommen lässt.

Manchmal überrascht die Gesellschaft für aktuelle Kunst mit Werken, die so gar nicht zu dem passen wollen, was allgemein als zeitgenössische Kunst gilt. Und manchmal präsentiert sie eine Ausstellung, die so unterschiedliche Arbeiten zeigt, dass sie schwer zusammenzubringen sind.

Im Zentrum der jüngsten Schau steht eine Skulpturengruppe: Drei Schwarze, zwei Frauen und ein Kind, mit Gesten der Verzweiflung, aufwärts gerichtete, flehende Hände, ein gesenkter Kopf, eine Drehung wie kurz vor dem Fall. Solche Posen voller Pathos besitzen Seltenheitswert im Kunstbetrieb. Vielleicht lassen sie gerade deshalb umso genauer hinschauen.

Ein alter Pflug steht neben den Figuren, ein stillgelegtes Utensil aus einem vergangenen Arbeitsleben, dazu ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr tropft. Neben den harten Materialien und Objekten finden sich weiche Stofftiere, die noch mehr Verletzlichkeit und Rührung in die Installation tragen. Trauer, Schmerz, Erstarrung, Vergänglichkeit – die Künstlerin Cathy Wilkes spart in ihrem Figuren-Arrangement nicht mit Sinnbildlichem und Sentimentalität.

Bevor der Besucher die Skulpturengruppe erreicht und umkreist, hat er ein Tafelbild passiert: eher abstrakte Farbfeldmalerei. Ein Werk aus einer früheren Schaffensepoche? Ein bewusster Kontrapunkt? Belege, dafür, dass der Zugriff auf alle Medien, Genres, Haltungen und Inhalte möglich und erlaubt ist?

Der Ausstellungsparcours in der GAK ist aber noch nicht zu Ende. In einem zweiten Raum liegen auf einem Tisch Fundstücke aus, die auf eine oder gleich mehrere Biografien verweisen: Bibeln, Spielzeug, ein Gedicht, ein Schulaufsatz, Kinderzeichnungen, Bilder. Auf einem weiteren Tisch ist ein Baby aus Pappmaché abgelegt. Die Bauchlage vermittelt Schutzbedarf und weckt Betreuungsinstinkte. Eine lang ausgestreckte Zunge fügt dem Kindchenschema nicht unbedingt anrührende Babyseiten hinzu. In einem Drahtgeflecht, das den Konstruktionscharakter des Objekts verdeutlicht, haben sich Porridgekrumen verfangen. Der Blick wird auf Abstand gehalten, aber auch Muttergefühle erweisen sich damit als zwiespältig: eingesperrt im Versorgungsbetrieb, ein Zaun vor dem Objekt der Liebe und Zuwendung.

Schließlich zeigt die Ausstellung noch Gerätschaften aus einer Werkstatt. Schriftliche Erläuterungen zur Ausstellung, unter anderem ein Interview mit der Künstlerin, klären auf. Der Tod von Cathy Wilkes‘ Vater im vergangenen Jahr gab den Impuls zu der Figurengruppe, die Bibel des Verstorbenen liegt neben der der Tochter. In der Familie der aus Belfast stammenden Künstlerin las man biblische Erzählungen, so auch die von Babylon, mit der sich die Gesten der Skulpturen verknüpfen ließen.

Aber wie passen die Bilder dazu? In ihrer Abstraktion stellen sie den Schlusspunkt einer Ablösung vom Gegenstand und auch von der individuellen GeschichGeheimnisse hinter

der Kunst

te der Künstlerin dar. Subjektive Erfahrung und Empfindung sind übersetzt in allgemeine Farben und Formen. Mit ihrer Installation bricht Wilkes die Sublimierung allerdings wieder auf und stellt das Private aus. Ohne Scheu vor Pathos und Sentimentalität, damit auch ohne den Schutz, den Kunst im Allgemeinen bietet.

„Mit ist bewusst, dass man nicht objektiv sein kann,“ sagt Cathy Wilkes. „Nicht objektiv zu sein bedeutet, dass all die Geheimnisse meines Bewusstseins in meine Arbeiten einfließen.“ In den Arrangements schafft sie eine Ambivalenz zwischen offenbaren und verbergen: „Ich finde, dass das für jedes Kunstwerk von großer Bedeutung ist: dass man eben nicht weiß, warum etwas genau so ist, wie es ist. (...) ich möchte diese Geheimnisse auf umfassende Weise anschaulich machen.“ Geheimnisse anschaulich machen – das ist der Schwebezustand, den die GAK-Schau hervorruft. Der lange Flur wird zu einer Passage, in der die Werke und ihre Konstellationen in Bewegung bleiben.

Die Passage gleicht einem Lebensweg mit Attributen zu Geburt, Alltag und Sterben. „Ich betrachte die Toten als Begleiter der Lebenden“, sagt die Künstlerin. Archivalien aus der familiären Biographie sind Fragmente der Identität, nicht Rückwendung, sondern Gegenwart, aber voller Verlustschmerz und nostalgischer Erinnerung. Auch die Nähe zu Kitsch und Rührseligkeit verbannt Cathy Wilkes nicht. Mit kaum etwas anderem lässt sich Angreifbarkeit heute in der Kunst sinnhafter machen.

„Ich erkenne und spüre, dass mein Werk Verlust und Traurigkeit vermittelt, und ich weiß, dass es ein Stück weit durch solche Erfahrungen bedingt ist.“ Der Betrachter wird tief in die offenen Räume zwischen den Exponaten hineingezogen und verfängt sich mit eigenem Erleben und Empfinden im Morbiden, Mythischen, Melancholischen.

Gesellschaft für aktuelle Kunst, Teerhof, Bremen.

Bis 12. Februar 2012

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