Werke von Straßburger und Möhle im Syker Vorwerk

Passt über kein Wohnzimmersofa

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Sabine Straßburger: „equal³“, 2008, 172x 27 cm, Öl, Leinwand, Holz.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Ein Foto: neun mal dreizehn. Ein Fernsehapparat: sechzehn zu neun. Postkarte: hundertvierzig zu neunzig. Was heutzutage als Bild durchgehen will, hat sich an Zahlen wie diesen zu halten. Zahlen, die unsere mitunter allzu libertär gesinnten Augen züchtigen sollen.

Man könnte meinen, zumindest in der Kunst eine Instanz gegen diesen tagtäglichen Normierungsterror zu finden. Aber nein: Bis ins 19. Jahrhundert, sagt Malerin Sabine Straßburger, lasse sich zurückverfolgen, wie Landschaftsmaler brav zum eigens für Landschaftsbilder abgemessenen Keilrahmen greifen – während dagegen Porträtmaler ihre Leinwand stets über den hochkantigen, streng genormten Porträtrahmen spannen. Für jedes Motiv die passende Größe, damit unsere schöne Kunst auch ordentlich aufgeräumt ist.

Im Syker Vorwerk zeigt Sabine Straßburger, dass es auch anders geht. „Versuchsanordnungen“ lautet der Titel ihrer gemeinsamen Ausstellung mit ihrer Künstlerkollegin Ulrike Möhle. Dabei wäre vielleicht „Versuche an Ordnungen“ treffender gewesen, denn sowohl Malerin Straßburger als auch Bildhauerin Möhle offenbaren in ihren Werken ein stetiges Ringen mit den Regeln unserer Bildwahrnehmung, mit dem Versuch, Ästhetik in geordnete Bahnen zu lenken. Und weil zu diesen geordneten Bahnen auch die tradierte Unterscheidung zwischen Malerei und Bildhauerkunst gehört, sind zwei Fragen allgegenwärtig. Ist die Malerin Straßburger nicht doch auch ein wenig Bildhauerin? Und lässt sich die Bildhauerin Möhle vielleicht doch auch als Malerin verstehen?

Straßburgers Arbeiten sind vom Widerspruch aus geradezu mathematischer Ordnung und Rebellion gegen selbige geprägt. Streng abgegrenzte Flächen in rechten Winkeln mit gleichmäßigem Farbauftrag – geradezu Musterbeispiele für gute deutsche Präzisionsarbeit. Und dennoch: Über ein durchschnittliches Wohnzimmersofa passen sie beim besten Willen nicht. Weil sie extrem in die Höhe ragen. Weil an einer zwar schnurgeraden rechten Seite plötzlich noch eine zweite Fläche hängt. Oder weil sie an der vermeintlich entscheidenden Stelle einfach Freiraum lassen.

Indem Straßburgers Bilder sich auf diese Weise der Integration in ein klassisches Verständnis von Fläche verweigern, gewinnen sie Räumlichkeit. Sie gewinnen diese jedoch auch auf ganz fassliche Weise, indem ihr wuchtiger Keilrahmen geradezu darauf ausgerichtet scheint, das Bild von der Wand abzustoßen. Überhaupt scheut sich Straßburger nicht vor konkreten Bezügen: Da verweisen zarte Linien auf Maßeinheiten eines Druckbogens, und Farbkontrollmarken lesen sich als kritischer Kommentar auf ein kollektiv normiertes Farbverständnis.

Straßburgers reduzierte Formsprache findet in Möhles Skulpturen eine Entsprechung. Auch hier findet sich zunächst die formale Strenge der rechten Winkel und lotrechten Seiten. Mit Blick auf das Material, eine Kombination aus Beton und Keramik, drängt sich ein architektonischer Bezug auf: Form als Funktion, Funktion wiederum als Ziel eines jeden Ordnungsprinzips. Das ist denkbar weit entfernt von den tradierten Vorstellungen der Malerei.

Und doch lässt sich auch hier eine Annäherung an spezifisch malerische Attribute ausmachen, etwa wenn Farbe in Konkurrenz zu Stoff und Form zu treten scheint. Dann verweigert sich die rote Lasur den zu ihrer Begrenzung vorgeschriebenen Kanten: ein Stück Anarchie in diesem geometrisch so sorgsam ausgefeilten Gebilde. Derweil fordern dezente Aussparungen zum Erforschen des Innenlebens auf. Für wirkliche Erkenntnis aber erweist sich dieser Raum als zu dunkel. So spielen die Exponate mit dem vordergründigen Versprechen nach Aufklärung und dem hintergründigen Versteckspiel des von jeglicher Normenästhetik autonomen Künstlers.

Wie weit Möhle dieses Spiel tatsächlich treibt, bleibt dem Betrachter oftmals verborgen. Um zu erfahren, dass im Inneren des Kubus mit komplexer Bruchstelle leuchtende Farbe und überraschende Formen verborgen liegen, müsste er ihn mit der Hand öffnen. Anfassen aber ist selbstredend verboten.

Wo Malerei aufhört und Bildhauerkunst beginnt: Diese die Jahrhunderte überdauernde Frage vermag auch die Ausstellung im Vorwerk nicht ein für allemal zu beantworten. Zum Glück. Denn im Bemühen um Begriffsunterscheidungen zeigt sich nichts anderes als das Streben nach Ordnung – und damit nach der Deutungshoheit über eine chaotische Wirklichkeit. Die Auseinandersetzung mit diesem menschlichen Streben aber bleibt wesentlicher Antrieb von Kunst. In Syke findet diese Auseinandersetzung ein sinnlich wie intellektuell ansprechendes Ergebnis.

Bis 26. Januar im Syker Vorwerk, Am Amtmannsteich 3. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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