„Passt leider gut in die Zeit“

Komponist Christoph Ogiermann über den deutschen ESC-Beitrag

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Der Erlöser aus Niedersachsen: Samstagabend geht es für Michael Schulte um alles.

Bremen - Von Rolf Stein. Alle Jahre wieder analysiert der Bremer Komponist und Musiker Christoph Ogiermann für uns den deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest, dessen Finale am Samstag ab 21 Uhr aus Lissabon übertragen wird.

Zuletzt fuhren Lavinia, Ann-Sophie, Jamie-Lee und Elaiza für Deutschland zum Eurovision Song Contest. Das beste Ergebnis fuhr 2014 die Band Elaiza mit Platz 18 ein. Dieses Jahr heißt der deutsche Kandidat wesentlich bodenständiger: Michael Schulte. Bringt das den Aufschwung?

Christoph Ogiermann

Christoph Ogiermann: Ich hab dieses Mal ein anderes Gefühl. Schulte kann offensichtlich recht zerbrechlich singen. Die ursprüngliche Version, bei der er sich mit akustischer Gitarre begleitet, lebt davon, dass man die ganze Zeit an dieser Stimme hängt und denkt: Hoffentlich fällt er nicht runter von da oben. Das macht es spannend – und ihn sympathisch.

Ins Rennen geht er aber mit einer anderen Version...

Ogiermann: … die wirklich Bombast-Kitsch ist. Das Stück fängt nun mit Klavier an statt mit Gitarre. Mir ist das unverständlich, zumal der Junge jetzt gar nicht mehr weiß, was er mit seinen Händen machen soll. Das Klavier macht das Lied auch nicht besser. Es verliert vielmehr an Direktheit, die durchaus eine Qualität hat.

Der ESC ist nicht unbedingt auf Intimität hin inszeniert. Es ist alles sehr bunt, sehr poppig. Wäre da ein junger Mann nur mit Gitarre auf der Bühne nicht verloren?

Ogiermann: Das ist noch sehr die Frage. Aber vielleicht geben sie ihm noch Tänzerinnen an die Seite, die Bilder seines verstorbenen Vaters vorbeitragen...

Sie spielen auf den Text an.

Ogiermann: Es ist offensichtlich für Film- und Fernsehzuschauer wichtig, dass eine Geschichte auf Tatsachen basiert, wie hier: dass der Vater gestorben ist, als Michael Schulte 14 Jahre alt war. Ziemlich offensichtlich ist es das ein Text für Leute, die bis drei zählen können. Im Refrain heißt es: „I was born from one love of two hearts / We were three kids and a loving mum.“ Was da im Hintergrund mitschwingt, ist das, was Feuerbach den Gottesglauben nennt: „One love“, die Dreifaltigkeit, „two hearts“, die Spaltung in Gott und Heiligen Geist. Und: „three kids“ – da ist der fleischgewordene Sohn Gottes dabei. Schließlich gibt es noch „eine liebende Mutter“, Maria. Wir haben es also mit einer göttlichen Situation zu tun. Und die Theodizee-Frage wird gestellt: Vater, warum hast du mich verlassen? Das passt leider sehr gut in unsere Zeit mit den Debatten um Leitkultur und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Ich will Schulte allerdings nicht unterstellen, dass er daran gedacht hat.

Immerhin hat er schon ein Album mit Weihnachtsliedern gemacht.

Ogiermann: Das wusste ich nicht. Aufgefallen ist mir, dass es sich nie richtig reimt. Auf „places“ reimt er nicht „faces“, sondern „face“, es kommt nie zur Deckung. Was dazu passt, dass er seinen Vater nicht erreichen kann, obwohl ihn jeder Gedanke wieder zu ihm führt. Das ist natürlich traurig: Er konnte sich nie vom Vater ablösen. Etwas, was ständig weiter bearbeitet wird, kann sich natürlich stumpf in vier Akkorden äußern, ist aber nicht wirklich nötig. Aber das Bedürfnis nach Orientierung, das der Text ausdrückt, verlangt nach einfachen Strukturen. Das zeigt dieses Lied: Refrain und Strophe bestehen aus den immergleichen Akkorden. Es handelt sich um einen Zustand, der da ausgebreitet wird.

Es entwickelt sich nichts?

Ogiermann: Jedenfalls nicht viel. In der neuen Version lässt man ihn eine Art Solo singen, wo er etwas von seiner Stimme zeigen kann. Wir werden sehen, ob er das im Finale auch noch darf, oder ob das zu riskant wäre. Man könnte nun auch noch darüber reden, was eben nicht vorkommt: Hat es in den letzten zehn Jahren in diesem Ausscheidungsprozess überhaupt irgendein Lied gegeben, dass auch nur im Ansatz ein gesellschaftliches Anliegen formuliert hat? Ich glaube nicht. Wenn jetzt ein junger Mann über seinen toten Vater singt, traut man sich gar nicht mehr, da reinzugrätschen. Um es mit Tucholsky und seinem Chor der Arbeitslosen aus dem Gedicht „Monolog mit Chören“ zu sagen: Das ist ja hervorragend interessant, Herr Schulte! Aber wie ist es denn mit Altersarmut oder Mindestlohn? Wie ist es mit der Umweltverschmutzung? Es scheint so eine Art von Verbot zu geben, jegliche Art politischen Inhalts zu bearbeiten.

Räumen Sie „You Let Me Walk Alone“ Chancen ein?

Ogiermann: Man traut sich nicht, ihn schlecht zu finden. So würde ich das ausdrücken. Er ist ein ganz ehrlicher Junge mit einem ganz normalen Namen. Und das macht das Ganze so fies. Jetzt wird es natürlich wieder am nationalen Chauvinismus der anderen liegen, wenn wir im letzten Drittel landen. Ich wage da keine Prognose.

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