„Paradiso“: Uraufführung am Ballett der Opernhausbühne Hannover

Durchgeknallte Erzengel

+
Flugtechnisch in Ordnung, aber doch wirkt es, als fehle etwas: „Paradiso“ von Jörg Mannes feierte am Freitagabend in Hannover seine Uraufführung.

Hannover - Von Jörg Worat. Irgendwie ist es mit den Choreographien von Jörg Mannes immer dasselbe: Was der hannoversche Ballettdirektor da auf die Opernhausbühne setzt, besticht durch blitzsauberes Handwerk, ein motiviertes Ensemble, spektakuläre Momente. Die Themen sind interessant, die Umsetzung ist hochmusikalisch, wirklich langweilig wird es selten. Und gleichwohl mag man das Gefühl haben, dass etwas Entscheidendes fehlt. Nicht anders bei der jüngsten Uraufführung „Paradiso“. - Von Jörg Worat.

Der Titel gibt eindeutige Hinweise auf den Inhalt: Mannes untersucht in einer lockeren Szenenfolge diverse Vorstellungen vom großen Glück. Als Klammer dienen die bekannten Motive, so tanzen anfangs stilecht Adam und Eva hier entspannt, dort neckisch über die Bühne, bis sich die Sünde an einem Vertikalseil dazugesellt – „Schlange“ Anastasiya Bobrykova macht das derart beeindruckend, als würde circensisches Blut in ihren Adern fließen. Immer mal wieder sind vier Erzengel mit von der Partie, die allerdings ein wenig durchgeknallt wirken, während zwischendurch eine Gruppe starr grinsender Himmelsbewohner die Fingernägel zu betrachten beginnt, mit den Fußspitzen wackelt oder anderweitig deutliche Anzeichen von Langeweile verrät – Szenen, die einen zwar nicht sonderlich subtilen, aber treffsicheren Humor bergen.

Irdischer geht es zu, wenn sich das Ensemble mit dem Ansatz, dass Paradiesisches vielleicht näher liegt als vermutet, am Strand tummelt. Es gibt auch ein etwas albernes Tierparadies, es gibt einen geschmackvollen Pas de deux als Symbol für die Suche nach Partnerschaft, und ganz ohne dunkle Anwandlungen kommt man bei Mannes auch nie davon: Ein sinistrer „Herr V.“ (sehr präsent: Patrick Michael Doe) scheint eher egoistische Vorstellungen vom Glück zu haben, und in einer „Trauer“-Sequenz überzeugt Denis Piza mit leicht gebrochenen Bewegungsmustern, die in der grundsätzlich hochästhetischen Tanzsprache des Choreographen um so mehr auffallen.

Ein Pfund, mit dem man in den Ankündigungen diesmal besonders gewuchert hat, ist die Musik. Mit Werken des Komponisten Giovanni Sollima hat Mannes schon mehrfach gearbeitet, für „Paradiso“ ist erstmals neu Geschaffenes hinzugekommen, und Sollima saß bei der Premiere höchstselbst als Solo-Cellist im Niedersächsischen Staatsorchester. Das sind äußerst effektvolle Klänge, mal mit Anteilen hypnotischer Minimal Music, mal mit östlich anmutenden Skalen, und mal jault das Cello, als gelte es, Jimi Hendrix Konkurrenz zu machen. Die Schlussszene bekommt im Zusammenspiel von Bewegungs- und Klangrausch tatsächlich etwas ungemein Mitreißendes, sodass man ein Klotz sein müsste, um davon unberührt zu bleiben.

Kurz: Alles an diesem Abend ist gekonnt, alles ist clever, und wenig davon geht wirklich in die Tiefe. Der Beifall brandet aus gutem Grund mächtig auf und nimmt alsbald andeutungsweise hysterische Züge an, aber wird man sich an diese Choreographie auch in ein paar Monaten noch erinnern?

Kommende Vorstellungen: am 20. und 27. Juni, jeweils um 19.30 Uhr im Opernhaus Hannover.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Verabschiedung des Verdener Redaktionsleiters Volkmar Koy in den Ruhestand

Verabschiedung des Verdener Redaktionsleiters Volkmar Koy in den Ruhestand

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Prima Madonna

Prima Madonna

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Kommentare