„Orontea“ von Cesti feiert Premiere im Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper

Geh! Bleib! Was denn nun?

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Nachdem sich heraustellt, dass Alidoro (Sergiu Saplacan) doch kein Vagabund ist, ist der Weg frei für eine Beziehung mit der Königin Orontea (Ida Aldrian).

Hamburg - Von Ute Schalz-Laurenze. Die ägyptische Königin Orontea liebt den gestrandeten Alidoro. Der liebt ihre Hofdame Silandra, zwischendurch Orontea, dann wieder Silandra, und schließlich wieder Orontea.

Die vermeintliche Mutter Alidoros, Aristea, liebt Ismeo, aber der ist eine verkleidete Frau – Giacinta, die aus Ägypten geflohen ist und nun zu Besuch zurückkommt. Clorindo liebt erst unglücklich Silandra, am Ende wird‘s aber was. Ebenso wie die Verbindung Orontea und Alidoro zustande kommt, nachdem sich herausgestellt hat, dass Alidoro kein Vagabund, sondern ein Prinzensohn ist, der als Baby vertauscht wurde. Und dann gibt es da noch den besserwisserischen Trinker Gelone, der am Ende zu Giacinta findet.

Das sind die Strickmuster barocker Opern, aber es geht nie um eine zusammenhängende Geschichte und schon gar nicht um eine logische. Es geht um die literarische Vorlage für Emotionen, Affekte für den Komponisten. Nachdem die Staatsoper Hamburg vor einiger Zeit eine hinreißende Inszenierung von Georg Friedrich Händels erster Oper „Almira“ herausgebracht hat, steht nun das gut 50 Jahre vorher entstandene und 1656 im Karneval in Innsbruck uraufgeführte „Dramma musicale“ „Orontea“ von Antonio Cesti auf dem Spielplan.

Es ist bemerkenswert, was dem der Staatsoper angegliederten Internationalen Opernstudio gelungen ist. Ohnehin in den Spielplan der Staatsoper integriert, bringt der Opernnachwuchs darüber hinaus jedes Jahr eine eigene Produktion heraus. Auch nach dieser Aufführung kann man nicht von „Nachwuchs“ reden, da waren so erstklassige Sänger zu hören und Spieltalente zu entdecken, dass es eine helle Freude war.

Die Regisseurin Anja Krietsch fand für das im ersten Jahrhundert vor Christus spielende Werk eine glänzende Lösung: Sie setzte zu Recht darauf, dass Gefühle zeitlos sind und ließ alle jugendliches Temperament austoben. Da wechselten Wutanfälle mit romantischer Sehnsucht und Weinkrämpfe mit hinreißend selbstironischen Brechungen, sodass die dreistündige Aufführung extrem kurzweilig verging. „Geh! Bleib! Was denn nun“ muss Alidoro Silandra fragen – was die Leitidee für Anja Krietsch zu sein schien.

Creonte, bei Cesti der Orontea beratende Philosoph, ist ein hektisch hin- und her telefonierender Paaragent, ein Glanzstück der Inszenierung, in der sich die Elemente Parodie, Ironie, Selbstironie, Brechung, Absurdität, Groteske und immer wieder realistische Gefühle in einer Weise mischen, die dem gerecht werden könnte, was der Librettist Giacinto Cicognini sich wünschte: „Meine Fantasie hat nur ein Ziel: zu unterhalten.“

Ergänzt wurde dieser Ansatz bestens von den Fantasiekostümen (Gisa Kuhn) und dem Bühnenbild (Nora Husmann). Dieses nutzt den winzigen Raum in drei Etagen großartig und in sich wiederum ironisch, wenn Orontea in ihrem Gemach die Partitur liest, wenn Alidoro sich mit Boxtraining fit macht, wenn Aristea sich ohne Ende schminkt, wenn Gelone in seinem Rotwein-Kabuff die „neue musik zeitung“ liest, und wenn Geronte in seinem Organisationswahn auch schon mal in der Nähe des Orchesters herumwirbelt.

Mit Einfühlung und Geschmeidigkeit entwickelt wurde dies alles an der unendlich schönen und sensiblen Musik, in der schnelle Rezitative und kurzweilige Ariosi nahtlos ineinander übergehen. Cesti aus der Monteverdi nachfolgenden Generation wurde 1652 von einem Zeitgenossen als „erster unter den Komponisten unserer Zeit“ und „unsterblich in Venedig“ anerkannt. Die in zahlreichen unterschiedlichen Abschriften vorliegende Partitur muss für jede Aufführung neu eingerichtet werden: hier leisteten unter der Leitung von Nicholas Carter die noch nicht einmal zehn Spieler der Hamburger Philharmoniker überzeugende Arbeit, die Lust macht auf mehr von dem jahrhundertelang zu Unrecht vergessenen Cesti.

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