Opulente Fantasien

Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel feiert Sommerfestival

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Als beinahe kühl konstruiertes Farbenspiel kommt die Unterwasserwelt in der Produktion „Liquidotopie“ daher.

Hamburg - Von Rolf Stein. Der Hinweis durfte wohl nicht fehlen: dass dieser Sommer ob seiner Sommerhaftigkeit nicht nur erfreulich ist – auch abgesehen davon, dass beispielsweise und vor allem körperliche Arbeit eine rechte Last sein kann. Amelie Deuflhard, künstlerischer Leiterin von Kampnagel, deutete an, dass die Hitze durchaus etwas Beängstigendes habe.

Und das durfte man sozusagen auch kurzfristig verstehen. Vor der Eröffnungspremiere der Malpaso Dance Company aus Havanna am Mittwochabend wurden Fächer ans Publikum verteilt. Die Klimaanlage der großen Halle K6 war mit den tropischen Temperaturen der vergangenen Tage überfordert. 

Und immerhin rund 110 Minuten inklusive Pause dauert die Vorstellung „Triple Bill“, die noch zweimal im Rahmen des Sommerfestivals auf dem Programm steht. Die Fächer wurden in großer Zahl ausgeliehen und benutzt. Auch, um nach den bereits begeistert beklatschten ersten beiden Teilen des Abends den dritten zu sehen. Aber dazu gleich.

Zunächst war mit der Deutschlandpremiere „Indomitable Waltz“ von Aszure Barton eine 25-minütige Choreografie zu sehen, die dem Ensemble Gelegenheit gab, seine tatsächlich herausragenden Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. In einem steten Fluss, in dem sich verschiedene Kombinationen und Soli nahtlos auseinander heraus entwickeln – während die Musik von Nils Frahm, dem Alexandre Balanescu und Michael Nyman eine gewisse Schwüle induziert, die auch den zweiten Teil des Abends, „24 Hours And A Dog“, ebenfalls erstmalig in Deutschland zu sehen, durchzieht. 

Ohne dabei allzu konkret zu werden, hat Osnel Delgado mit den Tänzern eine Fantasie über einen Tag in Havanna geschaffen, die durch die in Hamburg live aufgeführte Musik von Arturo O‘Farrill und seinem Afro Latin Jazz Ensemble noch an Opulenz gewinnt, was die Angelegenheit zuweilen etwas schwülstig wirken lässt.

„Liquidotopie“, der Abschluss des „Triple Bill“, in Hamburg als Weltpremiere zu sehen, ist eine Choreografie der Argentinierin Cecilia Bengolea, für die allein die Choreografie einen Besuch lohnt. Auch hier sind freilich tänzerische Höchstleistungen zu begutachten, die allerdings an keiner Stelle Selbstzweck werden. 

Das Flüssige, das schon im Titel steckt, kommt als Unterwasserwelt daher, vor pointiertem Farbenspiel beinahe kühl konstruiert. Darin bewegen sich die Tänzer wie, nun ja, Fische im Wasser, lösen sich voneinander, fügen sich wieder zum Kollektiv. Ein hinreißendes Spektakel.

Und es dürfte nicht das einzige bleiben, das Hamburg in den kommmenden Wochen zu gewärtigen hat. „Singular Extreme Actions“ heißt ein Programmpunkt, der zwischen Tanz, Artistik und Athletik schillert, angerichtet von Streb Extreme Action, der Truppe der New Yorker Tänzerin Elizabeth Streb. Und auch „König der Möwen“, eine Art Hamburger Underground-Musical von Andreas Dorau und Gereon Klug, verspricht gute Unterhaltung. 

Gar nicht zu reden von dem exquisiten Konzertprogramm, in dessen Rahmen heute beispielsweise das legendäre Sun Ra Arkestra auftritt und in einer Woche die Rap-Urväter von den Last Poets, die kürzlich ein unbedingt hörenswertes neues Album veröffentlichten.

Vor, zwischen oder nach den Vorstellungen empfiehlt sich dringend ein Besuch des Avantgartens hinterm Haus. Hier kann man im Café Migrantpolitan auf herrlich beknackte Weise Gutes tun und dabei eine Menge Spaß haben.

Malpaso Dance Company „Triple Bill“: Freitag, 10. August, und Samstag, 11. August, 20 Uhr, Streb.

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