„Futuralgia“ blickt auf den Körper im digitalen Zeitalter

Optimierte Gestalten

Gemeinsam, aber doch allein: Die sechs Tänzer von Unusual Symptoms könnten so manchem Instagram-Kanal entstiegen sein.
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Gemeinsam, aber doch allein: Die sechs Tänzer von Unusual Symptoms könnten so manchem Instagram-Kanal entstiegen sein.

Bremen – Drei Anläufe, so lange hat die Tanzproduktion „Futuralgia“ gebraucht, bis sie es endlich auf die Bühne am Theater Bremen geschafft hat. Nicht, weil man am Haus falsch geplant hätte. Nein, das Coronavirus hat auch in diesem Fall den Zeitplan ordentlich durcheinandergewirbelt. Kurz nach Probenbeginn hieß es nämlich: ab in den Lockdown – und ab vor die Bildschirme. Das Ensemble von Unusual Symptoms und Choreografin Núria Guiu Sagarra probten weiter, via Zoom.

Keine leichte Situation, für die Bremer Produktion aber fast schon ein Segen. Schließlich geht es in „Futuralgia“ um nichts anderes als den Körper im digitalen Zeitalter. Beziehungsweise um die Frage, wie sich unsere Wahrnehmung und unser Körpergefühl verändern, wenn wir unser Gegenüber und seine Bewegungen nur noch über den Bildschirm sehen. Das ist natürlich nicht erst seit Corona ein Thema, hat nun aber noch mal ein ganz neues Gewicht bekommen.

Denn nicht wenige Menschen haben die erzwungene Auszeit dazu genutzt, sich selbst zu optimieren. Oder besser gesagt: ihre Körper zu stählen. Natürlich nicht im Privaten, da sieht es ja niemand. Nein, jeder Fortschritt wurde und wird auf Instagram gepostet. Inklusive bunten Filtern oder der Bewegungen wiederholenden Boomerang-Funktion. Hier setzt Sagarra an, indem sie die sechs Tänzer in bunten Sportklamotten auf ein pinkes Viereck, umrahmt von fluoreszierendem Klebeband, schickt. Zunächst in vollkommener Stille laufen sie auf der Stelle, wiederholen Yoga-Posen oder mühen sich in Turnbewegungen ab. Diese Stille dauert aber nur solange, bis das Handy gezückt wird – und „Yummy“ von Justin Bieber aus dem Lautsprecher scheppert. Ein schmalziger Popsong erster Güte, der vermutlich (so genau ist das nicht ersichtlich) die Sexyness seiner nicht näher benannten Freundin besingt und der an diesem Abend in einigen Cover-Versionen zu hören ist. Nicht nur im Theater, auch viele einschlägige Influencer nutzen den Song, mit dem sie kurze Videos schweißtreibender Übungen unterlegen. Offenbar in der Hoffnung, dass ihr Körper irgendwann einmal „yummy“ – lecker – sein wird. All jene, die schon gut aussehen, müssen dies natürlich ebenfalls mitteilen – dann eben mit einem Selfie, in dem sie unfassbar gut aussehen. Dass sie dafür vermutlich sechs Anläufe gebraucht haben? Werden die Nutzer niemals zu sehen bekommen.

Im Kleinen Haus natürlich schon. Auch dort wird immer wieder reflexartig in die Höhe gestarrt, nur der fürs Selfie ausgestreckte Arm fehlt. Macht aber nichts, auch so wird klar: Jeder hier weiß, das er oder sie von anderen gesehen wird. Beobachtung gibt es aber auch direkt auf der Bühne: Immer wieder kopieren die Sechs Bewegungen von Mitstreitern, scheinen sogar im Wettstreit miteinander zu stehen. Höher, schneller, weiter ist natürlich auch in der digitalen Welt ein Thema. Aber nicht alle schließen sich dem Wettstreit an, manch einer läuft nur teilnahmslos vorbei. Ein Durchreisender, der die optimierten Gestalten zwar wahrnimmt, sich aber nicht angesprochen fühlt.

Unser Körpergefühl drückt sich natürlich nicht nur beim Sport aus, sondern auch beim Tanzen. Heiße Nächte im Club, aktuell nur eine schöne Erinnerung. Nicht so in „Futuralgia“. Zu wummerndem Technobeat (Musik: Nil Ciuró) wiegen sich die Körper oder wechseln in Ballettschritte. Mal zu zweit, mal als Gruppe nutzen sie den Raum – und sind doch allein. Selbst der gemeinsame Moment ist nicht viel mehr als eine flüchtige Illusion, in der realen wie in der virtuellen Welt. Egal, ob Millionen Follower auf Instagram oder fünf Kollegen in der Zoom-Konferenz: Wer über Bildschirme mit anderen agiert, ist zwar Teil einer Gruppe, aber eigentlich doch nur Einzelkämpfer. Reaktionen gibt es zwar, jedoch nur verzögert. Das erfuhr das Ensemble bei den Proben und die Choreografin bei der Premiere: Sagarra nimmt den Applaus über einen Laptop entgegen, der vor die Tribünen gehalten wird.

Es ist ein merkwürdiges Spannungsfeld aus Distanz und Gemeinsamkeit, in dem wir vor allem in diesen Tagen leben. Eine Situation, die Sagarras Choreografie nicht nur streift, sondern akribisch auseinandernimmt. Vor allem aber ist „Futuralgia“ eine äußerst sehenswerte Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie wir unsere Körper sehen und, ja, auch inszenieren. Dass das mitunter ein paar Längen hat? Geschenkt, die kommen in der digitalen Welt schließlich auch vor.

Sehen

Weitere Termine sind am 8. November um 16 und 19 Uhr sowie am 12. und 13. November, jeweils um 20 Uhr, im Kleinen Haus, Theater Bremen.

Von Mareike Bannasch

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