Als Opfer Teil des Problems

Elizabeth Huffman spielt „The Re-Imagining of French Gray by the Displaced Woman“

Elizabeth Huffman als vertriebene Frau - Foto: bsc

Bremen - Von Rolf Stein. Als Walter Benjamin einst den berühmten Satz schrieb: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“, da meinte er gewiss nicht nur jene Kunst, die Gewaltverhältnisse verleugnet, indem sie die Probleme der Welt hinter rosaroten Herzenswallungen verschwinden lässt.

Wozu auch der tränendrüsendrückende Appell an die Mitleidensfähigkeit des Menschen gehört, der darin seufzend vor allem das eigene Sentiment feiert, anstatt sich den Gründen fremden Leidens zu widmen. Brecht setzte dagegen sein episches Theater, weil die Leut’ nicht mehr so romantisch glotzen sollten.

Das Thema Migration ist selbstredend vor allem für Letzteres anfällig. Einen Weg aus dem Dilemma zeigte am Donnerstag im Theater am Leibnizplatz die Schauspielerin Elizabeth Huffman mit dem englischsprachigen Gastspiel „The Re-Imagining of French Gray by the Displaced Woman“ in der Regie von Louanne Moldovan, einer Produktion des Chain Reaction Theatre aus Portland, Oregon.

Die Vorlage für das Stück, das derzeit auf Deutschlandtournee ist, ist „French Gray“ von Josef Bush, 1967 geschrieben, um des Autors Empörung über die krasse Diskrepanz zwischen Reich und Arm in New York auszudrücken. Dramaturgische Fallhöhe schafft Busch durch seine Hauptfigur Marie Antoinette, legendär für das allerdings eher gut erfundene Bonmot: „Sollen sie doch Kuchen essen.“

Die Mühe, sich Würde zu bewahren

Huffman und Moldovan haben Bushs Stück mit einer aktuelleren Geschichte überschrieben und konfrontieren die französische Königin mit einer syrischen Frau, die per Heirat in die syrische Oberschicht aufsteigt, eine Galerie eröffnet, das Leben in vollen Zügen genießt – und im Gefolge der Demonstrationen, den Vorboten des gegenwärtigen Bürgerkriegs, alles wieder verliert.

Darin spiegelt sich natürlich der Umstand, dass aus Syrien wie von anderswo auch Menschen fliehen, die damit einiges aufgeben, nicht wenige dabei auch das, was sich vielleicht als Würde beschreiben ließe: Es kostet unsere Protagonistin nämlich nicht wenig Mühe, sich diese zu bewahren. Wir lernen sie kennen als eine von vielen, nicht einmal als Geflüchtete im Besonderen. Eine Frau mit Kopftuch, die ihre Habseligkeiten auf einem Einkaufstrolley hinter sich herzieht, durch’s Foyer und in den Theatersaal, wo sie sich in die erste Reihe setzt, bis sie sich schließlich auf der Bühne einrichtet, die mit umherliegendem Mobiliar und jeder Menge Müll als Behelfsunterkunft kenntlich gemacht ist.

Penibel schlägt sie ihr Lager auf, platziert ein Foto auf dem provisorischen Nachttisch, wischt Tisch und Stuhl ab, zündet eine Kerze an – und wäscht sich. Was bekanntlich mehr und anderes ist als eine Frage der körperlichen Hygiene, nämlich ein Stück Selbstbehauptung in existenzbedrohenden Situationen. Huffman schafft ihrer Figur damit sozusagen performativ die Grundlage ihrer Geschichte.

Die namenlose Syrerin

Mit drastischem Akzent berichtet sie von den Ursachen und Umständen ihrer Flucht, von ihrem Leben davor, von dem Verlust von Wohlstand, Familie und gesellschaftlicher Achtung. Und blendet dabei immer wieder in die Geschichte der Marie Antoinette über. Ein Lichtwechsel, eine Verschiebung im Akzent, mehr braucht es nicht, um die beiden Lebensläufe miteinander korrespondieren zu lassen.

Und auch wenn hier niemand jemandem empfiehlt, Kuchen zu essen, ist es eine Stärke dieses Abends, die namenlose Syrerin nicht schlicht als Opfer zu zeigen, sondern als eine Frau, die eben auch Teil eines Herrschaftsapparates ist, der sich gegen die materiellen Bedürfnisse seiner Untertanen ignorant verhält. Dass die Menschen Brot bräuchten, keine Kunst, muss sich unsere Heldin von einer Demonstrantin sagen lassen.

Am Ende des Stücks wird sie zwar von ihrem hohen Ross gestiegen sein. Aber es ist eigentlich frappierend, wie distanziert diese Figur bleibt, gerade weil sie ja im Grunde hierzulande kursierenden Anforderungen an Geflüchtete so gut entspricht: dem freiheitlichen Westen zugewandt, in dessen Metropolen sie in den guten, aber gar nicht so alten Zeiten sie Shopping-Ausflüge unternahm, gebildet, berufstätig, mondän. Weil sie gewissermaßen Teil jener Barbarei ist, deren Opfer sie schließlich wird. Aber übrigens auch durchaus, weil sie dabei insistierend, anstrengend ist.

Damit zeigen Huffman und Moldovan eine Protagonistin, die komplex genug ist, um sich den gängigen Schablonen zu entziehen.

„The Re-Imagining of French Gray by the Displaced Woman“: Samstag, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz, Bremen.

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