Olof Boman dirigiert am Sonntag Händels „Oreste“ am Bremer Theater

Göttliche Gnade gibt‘s nicht

Singt auch schon mal vor: Olof Boman übernimmt die musikalische Leitung von „Oreste“, einem „Pasticcio“ von Georg Friedrich Händel.
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Singt auch schon mal vor: Olof Boman übernimmt die musikalische Leitung von „Oreste“, einem „Pasticcio“ von Georg Friedrich Händel.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Dass die 1734 entstandene Oper „Oreste“ von Georg Friedrich Händel in keiner großen Händel-Literatur eine Erwähnung findet, ist für den schwedischen Dirigenten und Händel-Spezialisten Olof Boman ein Skandal. Es handelt sich um ein sogenanntes „Pasticcio“, ein Werk, das auf schon entstandener früherer Musik beruht und damit ein in der Barockmusik, besonders aber in der Oper durchaus übliches Verfahren war.

Bomans Bremer Einstudierungen – Antonio Vivaldis „Orlando furioso“ und Händels „Messiah“ – setzten Maßstäbe für einem neuen Umgang mit Barockopern- und Oratorien. Aus Anlass der bevorstehenden Premiere sprachen wir mit Boman.

Orest aus der griechischen Mythologie gibt es seit Aischylos in unzähligen Dichtungen, Kompositionen und veränderten Perspektiven: Im Zentrum stehen immer wieder Orests Muttermord, aber auch seine als Hohepriesterin nach Tauris verbannte Schwester Iphigenie. Um was geht es denn Händel?

Olof Boman: Um Orests Leiden. Er leidet unter den schrecklichen Erinnerungen, die ihn verfolgen. Er kommt zu dieser Insel Tauris mit einer Hoffnung, endlich frei zu werden. Die erste Szene ist so eine Panikattacke, die Musik ist verrückt fragmentarisch, arioso, ganz frei komponiert. Das ist ein regelrechtes Statement von Händel.

Was zeichnet denn seine Musik aus? Sie haben einmal gesagt, sie zählt zum Besten, was Händel bis dahin (1734) geschrieben hat.

Boman: Er zeichnet die so verschiedenen Charaktere ganz deutlich, das ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er die Musik eigentlich für ganz andere Rollen geschrieben hat. Orest hat heroische edle Arien, die sein Leiden zeichnen, seine Frau Hermione hat regelrecht elegante, aber auch verzweifelte Musik. Thoas ist ein Machtmensch, und das hört man in seinen Arien in jedem Ton.

Warum ist denn diese Oper in keiner Händel-Literatur zu finden? Nur, weil sie ein Pasticchio ist?

Boman: Ja, wirklich. Das ist eine einzige Erklärung. Es steckt dummer Snobismus dahinter: Es ist eben keine Original-Oper von Händel – doch ist jeder Ton von Händel komponiert.

Sie haben einmal gesagt: Händel hat alle Figuren in seinen Opern geliebt. Können Sie das näher erläutern?

Boman: Er hat sich mit diesen Menschen auseinandergesetzt, er hat Beziehungen zu ihnen. Händel war ein sehr schwieriger Mensch, vielleicht war‘s für ihn einfacher mit nicht realen Menschen. Er hat alle Rollen mit ganz feinen Sachen ausgestattet. Zum Beispiel dieser Philoktete: Er sehnt sich nach Liebe. Seine Arien sind zwar klein, aber menschlich wunderbar.

Was ist die Aktualität in „Oreste“?

Boman: Es ist einfach deswegen eine aktuelle Inszenierung, weil Robert Lehniger Film und neue Medien miteinander verbindet. Ich habe viel mit dem Material gearbeitet, mit dem Regisseur zusammen Arien ausgetauscht, ich habe noch aus anderen Händel-Oratorien etwas dazugenommen. Dazu haben wir dann neue Texte geschrieben.

Wenn man an Peaches, Vivienne Westwood oder an Benedikt von Peter denkt, welche Art von Künstlern brauchen Sie, um selbst weiterzukommen?

Boman: Ich beschäftige mich sehr mit der Literatur um ein Werk herum. Aber auch später geschriebene Musik kann viel Inspiration geben. Der große Barockspezialist William Christie hat mir mal gesagt, er habe so viel von Bruckner gelernt, dessen große Linien benutze er nun auch bei Musik von Rameau, der viel früher gelebt hat. Ich dirigiere nicht nur Barockmusik, aber auch gerne das klassische und frühromantische Repertoire. Musik ist Musik, und das beste was wir Musiker haben, ist natürlich unsere Intuition. Wenn mir die Inspiration fehlt, höre ich gern auch Folklore, deren lebendige Improvisation der Barockmusik nahe ist. Ich suche dann Kunst in anderen Formen.

Es fällt in „Oreste“ auf, dass es kein „lieto fine“ gibt, also kein Finale, in dem ein glückliches Ende von den Göttern abhängt. Die Menschen selbst töten am Ende den Tyrannen?

Boman: Es gibt wie in jeder Barockoper einen fröhlichen und hellen Schlusschor. Aber ja, da haben Sie recht, es gibt nicht die göttliche Gnade.

Mozart hat Händel sehr bewundert: Was hat er von ihm gelernt?

Boman: Mozart und Händel waren Theatermenschen. Mozart hat sicher dramaturgisch etwas von Händel gelernt. Der Weg in den Arien ist so vielseitig.

Welche Anstrengung bedeutet es für Sie, und wie müssen Sie praktisch arbeiten, um mit einem „normalen“ Sinfonieorchester diese Musik zu realisieren? Sie machen das ja nicht zum ersten Mal und Sie machen es gerne?

Boman: Ich richte die Noten viel mehr als bei einem Barockorchester ein, Gesten, die für ein Barockorchester normal sind: Da muss man mehr Hilfe geben in Dynamik, Artikulation. Man muss mehr Bilder benutzen, vorsingen. Wenn ich das mache, kann ich dieser Musik und auch den Musikern vertrauen.

Premiere am Sonntag um 18 Uhr im Theater am Goetheplatz. Weitere Vorstellungen: 27. Mai, 5., 9., 20., 25. und 28. Juni, 12. Juli. Musikalische Leitung: Olof Boman; Regie und Video: Robert Lehniger.

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