Oliver Klöter inszeniert am Stadttheater Bremerhaven Puccinis „La Bohème“

Vortritt für die großen Gefühle

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Kellergesellschaft: Oliver Klöter wagt einen Blick ins Souterrain.

Bremerhaven - Von Wolfgang Denker. Wenn eine Inszenierung von Puccinis Oper „La Bohème“ emotional berührt und mitten ins Herz trifft, ist eigentlich alles gut. In diesem Sinne hat Regisseur Oliver Klöter im Bremerhavener Stadttheater einen Volltreffer gelandet. Seine Inszenierung ist sehr sorgfältig und stimmig ausgefallen, zudem mit vielen Details angereichert. Und sie konterkariert nicht den emotionalen Gehalt der Musik. - Von Wolfgang Denker.

Klöters Regie war ein gutes Beispiel für lebendige, sinnvolle Personenführung, die aber nie aufdringlich wurde. Selten hat man die vier Freunde so natürlich und unverkrampft agieren sehen. Aber Klöter scheute sich nicht, dort, wo die Musik die großen Gefühle transportiert, ihr den Vortritt zu lassen. So wurde das Liebesduett des ersten Aktes einfach an der Rampe gesungen, weil die Musik schon alles ausdrückte.

Dennoch gab es gut durchdachte oder witzige Aktionen genug. Die Episode mit dem Hauswirt Benoit, der vergeblich versucht, die Miete einzutreiben, war sehr witzig. Und köstlich war auch die Szene im letzten Akt, wo die Bohemiens sich unterhaken und ein paar gekonnte Ballettschritte riskieren. Dass Musetta beim Streit mit Marcello im dritten Akt deutlich beschwipst ist, war ein origineller Einfall.

Laut Libretto tummeln sich die vier Künstlerfreunde in einer Dachmansarde – in Bremerhaven sind sie nun im Keller gelandet. Die Ausstattung von Darko Petrovic zeigte bei halb hochgefahrener Bühne unten die Kellerräume, während oben einsame Passanten durch die Pariser Nacht eilten. Für die Massenszenen des zweiten Aktes stand der gesamte Bühnenraum zur Verfügung und konnte sehr sinnvoll genutzt werden. Im dritten Akt schließlich fiel der Blick auf die nebelverhangene Stadtmauer, die in ihrer Trostlosigkeit der Abschiedsstimmung entsprach.

Musikalisch bot das Stadttheater hohes Niveau. Die israelischen Sopranistin Noa Danon von der Magdeburger Oper ist in der Premiere kurzfristig eingesprungen. Ihre Mimi hatte großes Format. Mit mühelos aufstrahlendem Sopran zeichnete sie alle Empfindungen der Figur sehr differenziert nach. Als Rodolfo gastierte Kwonsoo Jeon, der das Publikum im Sturm eroberte und nach seiner Arie „Che gelida manina” mit spontanem Beifall belohnt wurde. Er führte seinen hellen und schmelzreichen Tenor sicher durch die Partie und bestach mit ausgesprochen schönem Timbre. Zudem überzeugte er mit jugendlichem, engagiertem Spiel. Regine Sturm gab die Musetta regiebedingt vielleicht etwas zu quirlig, stimmlich wurde sie der Partie trotz kleiner Abstriche bei der Auftrittsarie durchaus gerecht. Filippo Bettoschi war ein gestandener Marcello und bot ein starkes Rollenporträt. Das Quartett der vier war ein Höhepunkt der Aufführung. Das gilt auch für die Mantelarie des Philosophen Colline, die Leo Yeun-Ku Chu mit rundem, samtweichem Bass gestaltete. Ebenfalls ein Gast war Manos Kia, der dem Schaunard mit sehr markantem Bariton und attraktiver Bühnenerscheinung überdurchschnittliches Profil sicherte.

Marc Niemann dirigierte das bestens disponierte Philharmonische Orchester und den von Jens Olaf Buhrow einstudierten Chor schwelgerisch und mit vielen Farben, deckte die Sänger nicht zu und atmete mit ihnen.

Kommende Vorstellungen: am 18. und 27. November jeweils um 19.30 Uhr sowie am 22. November um 15 Uhr am Stadttheater Bremerhaven.

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