Barock muss sein: Staatstheater legt künftig mehr Wert auf Musik und bindet im Schauspiel die Bürger mit ein

Oldenburgs designierter Intendant Firmbach stellt ersten Spielplan vor

+
Neues Logo, neues Glück: Das künftige Leitungsteam des Oldenburgischen Staatstheaters. 

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. In der Oper singen die Stars von morgen, das Schauspiel wird demokratisch, und Tanz heißt jetzt Ballett: Mit diesem Dreiklang lässt sich das neue Konzept des Oldenburgischen Staatstheaters beschreiben.

Dessen neuer Generalintendant Christian Firmbach hat gestern das Programm zu seiner ersten Spielzeit vorgestellt und damit zugleich die Grundzüge seiner im August startenden Amtszeit skizziert.

Demnach soll insbesondere der musikalische Bereich am Haus eine deutliche Stärkung erfahren. Das gilt für die Erweiterung der Jugendsparte um einen Kinder- und Jugendchor, aber auch für das Musiktheater selbst, das sich künftig kein geringeres Ziel setzt, als ein Sprungbrett für Talente zu den großen Opern in Berlin, Hamburg und München zu sein.

An den technischen Befähigungen der Sänger richtet sich in Teilen sogar der Spielplan aus. So sei etwa die Berücksichtigung des für den Tenor extrem anspruchsvollen Werks „La Dame Blanche“ von François Adrien Boieldieu allein der Verpflichtung eines entsprechend versierten Sängers zu verdanken.

Ansonsten sollen im Opernspielplan zwei Aspekte zur Geltung kommen. Erstens: die Platzierung mindestens einer Barockoper pro Spielzeit. „Wir müssen die Intimität unseres Hauses für Stücke nutzen, die genau diese Atmosphäre brauchen“, erklärt Firmbach diese Fokussierung. „Dieses Gebäude schreit förmlich nach Alter Musik.“

Für den Anfang soll diesen Schrei Georg Friedrich Händel mit seinem Oratorium „Hercules“ erhören. Zweitens: Dem weltoffenen Oldenburger Publikum wolle man gerne auch Wagnisse zumuten, „Stücke, die im Opernführer nicht auf Seite eins zu finden sind“. Damit dürften kaum Verdis „Falstaff“, Mozarts „Hochzeit des Figaro“ oder gar der Musical-Klassiker „Evita“ gemeint sein. Auch Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ zählt nicht eben zu den Wagnissen der Opernliteratur. Eher vielleicht „Pinocchios Abenteuer“, ein zeitgenössisches Stück für die ganze Familie, das eigens auf Ende März terminiert worden ist, damit niemand dem Gedanken verfällt, es handele sich um das übliche Weihnachtsmärchen.

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, hatte erst kürzlich wieder die Aussichtslosigkeit demokratischer Prinzipien im Theaterbetrieb bekundet. Doch Oldenburgs künftigen Oberspielleiter Peter Hailer und seinen Chefdramaturgen Marc-Oliver Krampe kann das nicht schrecken. Sie rufen die Demokratie aus, indem sie Künstler der freien Szene einbinden und sogar Bürger auf die Bühne holen. Für manche Produktionen zeichnen Regiekollektive wie „Prinzip Gonzo“ („Gustav Schwabs schönste Sagen des klassischen Altertums“) oder die „Fräulein Wunder AG“ verantwortlich, letztere lädt für ein „Hochzeitsfest“ unter dem sinnigen Titel „Der schönste Tag des Lebens“ noch heiratswillige oder auch -unwillige, Getraute wie Geschiedene, Alte wie Junge, die sich an der Performance beteiligen.

Schauspielchef Hailer selbst will selbst mit drei Produktionen in Erscheinung treten: einem Drama von Arthur Miller („Alle meine Söhne“), John von Düffels „Buddenbrooks“-Adaption sowie einem Liederabend mit dem Arbeitstitel „Land in Sicht“. Die meisten anderen Regisseure tragen das Etikett „jung und wild“, insbesondere gilt das für Martin Laberenz, der Shakespeares „Was ihr wollt“ inszenieren wird.

Ballett statt Tanz: Mit dieser Umbenennung, sagt Firmbach, sei keinesfalls eine reaktionäre Besinnung auf Spitze und Tutu verbunden. Zwar dürfe man sie selbstverständlich als Hinweis auf eine Ästhetik verstehen, die sich mehr als bisher auf das Ballett beziehe. Das jedoch komme allenfalls facettenhaft zum Ausdruck. „Mit dem Tanz“, erläutert Spartenchef Burkhard Nemitz, „haben wir gemeinsam, dass wir von heute aus auf die Werke blicken.“ Mit dem Ballett derweil teile man die Eigenschaft, „die Werke von der Musik ausgehend zu interpretieren“.

So erweist sich vieles als neu, wenig aber als revolutionär: eine behutsame Verschiebung mancher Akzente allenfalls. Mit welchem Erfolg, lässt sich ab September abmessen. Dann feiert das neue Leitungsteam mit „Falstaff“ seinen offiziellen Einstand.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Amsterdam schränkt Kiffer und Rotlicht-Tourismus ein

Amsterdam schränkt Kiffer und Rotlicht-Tourismus ein

Drama in Volkmarsen: Ökumenischer Gottesdienst 

Drama in Volkmarsen: Ökumenischer Gottesdienst 

Drama in Volkmarsen - Auto rast bei Rosenmontagsumzug in Menschenmenge

Drama in Volkmarsen - Auto rast bei Rosenmontagsumzug in Menschenmenge

Kochen mit Matcha bringt Farbe ins Spiel

Kochen mit Matcha bringt Farbe ins Spiel

Meistgelesene Artikel

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Zur Entspannung etwas Mozart

Zur Entspannung etwas Mozart

Der zweite Blick

Der zweite Blick

Kommentare