Oldenburgisches Staatstheater zeigt in „Emilia Galotti“ Motive des Ehrenmords

Tödliches Kribbeln im Bauch

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Odoardo Galotti (Thomas Ziesch) fällt für das ungehorsame Töchterchen (Magdalena Höfner) nur eine Lösung ein: die Ermordung.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Wer alt wird, darf sich manche Absonderlichkeit erlauben, das gilt für Menschen wie für zweihundert Jahre alte Texte. Seltsame Dinge geschehen in Lessings Dramen: Liebespaare freuen sich über die Entdeckung ihrer geschwisterlichen Verwandtschaft („Nathan der Weise“), Männer mögen nur mittellose Frauen heiraten („Minna von Barnhelm“), und Väter ermorden lieber ihre entehrte Tochter als deren Peiniger („Emilia Galotti“).

Theaterregisseure, die so was heute noch zeigen sollen, brauchen in ihrem Werkzeugkasten nicht lange zu wühlen, bis sie das passende Instrument gefunden haben. Das Gerät heißt „Ironisierung“, garantiert Witz und Leichtigkeit, damit aber noch lange keinen Sinn.

Am Oldenburgischen Staatstheater hat nun Julia Wissert „Emilia Galotti“ in Szene gesetzt. Es ist ein recht flott dahinerzählter Abend geworden mit lächerlich persiflierten Sterbeszenen und Duellvorbereitungen. Das, was er erzählt, reduziert sich aber auf recht triviale Einsichten.

In einem Plexiglasbau, angesiedelt irgendwo zwischen Gewächshaus und Designerwohnung, ranken sich märchenhaft rosafarbene Farne von der Decke herab (Bühne: Sandra Materia). Märchenhaft ist auch das Leben seiner jüngsten Bewohnerin. Emilia Galotti (Magdalena Höfner), ein biederes Aschenputtel in züchtiger Bluse, sieht nicht nur der Hochzeit mit dem reichen Grafen Appiani (Rajko Geith) entgegen. Nein: Heute morgen erst hat sich sogar ein echter Prinz um sie bemüht! Das junge Ding kann sich gar nicht mehr einkriegen vor so viel Nervenkitzel und Kribbeln im Bauch. Freilich: Mama (Nientje Schwabe) gegenüber gibt sie sich verstört, empört. Schon schlimm, was sich der Adelsspross da herausnimmt, wo sie doch schon an einen anständigen Grafen vergeben ist! Als aber dieser Adelsspross später Ernst macht und auf den Tugendbolzen seine Auftragskiller hetzt, hegt sie keine größeren Sorgen, als dass ein Blutspritzerchen ihr blütenweißes Hochzeitskleid befleckt haben könnte: Wenn schon entführt, will sie ihrem Märchenprinzen wenigstens in strahlender Schönheit in die Arme fliegen.

Vater Odoardo (Thomas Ziesch) ahnt, dass der blaublütige Charmeur nichts weiter im Sinn hat als den schnellen Sex. Hilflos muss er mit ansehen, wie sich Emilia von diesem skrupellosen Triebtäter lustvoll den Kopf verdrehen lässt. Wallen bei so einem Töchterchen die ersten erotischen Gefühle auf, haben dreiste Typen leichtes Spiel, ob im Internetchat oder Prinzenschloss.

Und er hat ja Recht, der gute Mann. So schnöselig aufbrausend, wie sich dieser Prinz (Johannes Lange) gegenüber seinem Kammerherrn Marinelli (Pirmin Sedlmeir) gebärdet, möchte man ihm das eigene Kind für keine fünf Minuten anvertrauen. Schwer vorstellbar, dass sich so etwas wie Verantwortungsbewusstsein versteckt hinter dieser Maske der Dekadenz. Hier hat sich ein Rockstar sein Groupie aufs Zimmer bestellt, und wird es nicht beizeiten geliefert, dreht er auch schon durch.

Das alles ist so logisch wie nachvollziehbar, aber eben auch banal. Früh absehbar und desto fragwürdiger erscheint denn auch die Auflösung des problematischen Schlussakkords. Lessing lässt Emilia bekanntlich sterben: erdolcht von der Hand ihres eigenen Vaters, allerdings auf ausdrücklichen Wunsch der Tochter. In Oldenburg kann dieses Einvernehmen freilich nicht mehr funktionieren. Soll das Mädchen dem Prinzen aus eigener Begierde aufs Schloss gefolgt sein, muss aus dem väterlichen Suizidhelfer schon ein eigenmächtiger Mörder werden. So gibt sich in Emilias Aussage, es habe zwar früher einmal Väter mit Hang zum Ehrenmord gegeben, solche Taten aber seien ja „von ehedem“, mehr Hoffnung als Sorge zu erkennen: „Solche Väter gibt es nicht mehr!“ Oh doch, widerspricht da der liebe Papa und erstickt die Ungehorsame an seiner fürsorglichen Brust.

Mag sein, dass so handelt, wer sich in seinem eigenen Leben jedes Abenteuer versagt hat. Und gut möglich, dass auch heute noch mancher Ehrenmord diesem Neid aufs eigene Kind geschuldet ist. Doch lässt sich dieses Phänomen in einer von sexueller Freizügigkeit und Toleranz durchdrungenen Gesellschaft allenfalls als Randerscheinung beobachten: „Solche Väter“, wie Emilia schon ahnt, gibt es tatsächlich fast nicht mehr.

Darstellerisch ist nicht viel mehr als Solides zu sehen. Magdalena Höfner lässt in der Hauptfigur zwar konsequent die erotische Begierde als treibende Kraft durchscheinen, eine charakterliche Entwicklung, die doch angesichts der Ereignisse naheläge, findet jedoch kaum statt. Johannes Lange gefällt als verweichlicht egomanischer Prinz, gerade zu Beginn allerdings würde man gerne auch mal akustisch verstehen, was er da so spricht. Am überzeugendsten geraten noch die Auftritte von Rajko Geith als Graf Appiani und Pirmin Sedlmeir als Marinelli, die in manchen Slapstickeinlagen zumindest Sinn für die Pointe beweisen.

„Emilia Galotti“, bekannte einst Friedrich Schlegel, müsse man „frierend bewundern und bewundernd frieren“. Wahrscheinlich friert man sich in Oldenburg draußen schon genug.

Kommende Vorstellungen: morgen um 20 Uhr sowie am 22. und 39. März, jeweils um 18.30 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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