Oldenburgisches Staatstheater nähert sich in „Satyagraha“ dem Mythos Gandhi

Verquast im Unklaren

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Ziemlich viel Kunstblut fließt an den biographischen Stationen von Gandhis Leben.

Oldenburg - Von Rolf Stein. Es geschieht nicht allzu oft, dass eine Oper aus dem Kanon der Minimal Music den Weg auf die Spielpläne in der Region findet. In Oldenburg war es am Samstag so weit: „Satyagraha“ von Philip Glass feierte Premiere am Staatstheater. In der zweiten Oper des Komponisten, 1980 in Rotterdam uraufgeführt, geht es um Mahatma Gandhi, der vor allem durch seinen gewaltfreien Widerstand gegen die englische Kolonialmacht in Indien berühmt wurde.

„Satyagraha“, das Beharren auf der Wahrheit, zählte zu den Kerngedanken von Gandhis politischer Philosophie. Wobei es mit der Wahrheit bekanntlich so eine Sache ist, weil sie von verschiedenen Seiten mit ganz unterschiedlichem Gehalt beansprucht wird. Eine gewisse Skepsis scheint also angebracht. Wie sie der Philosoph Karl Popper in einem per Video eingespielten Interview formuliert, noch bevor der Vorhang hochgeht: „Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die sagen: ‚Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen‘“, sagt er da unter anderem. Und natürlich ist das schon Teil der Inszenierung. Vielleicht, um dem Gedanken vorzubeugen, Gandhi als Heilsbringer zu verherrlichen.

Schließlich ist „Satyagraha“ Teil einer Trilogie von Opern über Männer, die die Welt verändert haben. Mithin also eine Huldigung „großer Propheten“, um es polemisch auszudrücken, auch wenn unter anderem die indische Schriftstellerin Arundhati Roy unser Gandhi-Bild zuletzt angekratzt hat. Zugegeben: Das war lange nachdem Glass seine Oper schrieb.

Eine gewisse Offenheit ist seinem musikalischen Porträt allerdings ohnehin eingeschrieben. Was zum einen der Musik entspricht, die sich im Geist der Minimal Music vor allem mit wiederkehrenden tonalen und rhythmischen Formeln befasst. Diese verschieben sich im Verlauf der Komposition gegeneinander, wobei die Motive oft sehr einfach gehalten sind. Dieses Repetitive, das Glass als Begriff für seine Musik eher gelten lassen mag, kann geradezu trance-hafte Effekte zeitigen. Und das wiederum entspricht natürlich nicht der Oper, wie wir sie gemeinhin kennen.

Auch auf der Textebene ist ein Deutungsspielraum angelegt. Glass und Constance de Jong haben das Libretto aus Texten der Bhagavad Gita, einer Art hinduistischen Bibel, zusammengebaut. Eine Handlung im engeren Sinne ist nicht vorgegeben, der Text raunt eher bedeutungsvoll, als dass er erzählt. Das gibt der Regie eine gewisse Freiheit. Andrea Schwalbach bezieht sich in ihrer Inszenierung weit mehr auf Gandhis Aufenthalt in Südafrika als auf Tolstoi oder Martin Luther King, deren Namen als Titel über dem ersten und dritten Akt stehen.

Angedeutet scheinen auch aktuelle Bezüge, der „Sex-Mob“, wie die Bild-Zeitung die übergriffige Silvester-Meute von Köln taufte, aber auch das Paradies im Jenseits, mit dem Rekruten für den „Islamischen Staat“ geworben werden, ließen sich herauslesen. Allerdings lässt der verquaste Text die Dinge insgesamt eher im Unklaren, was, wohlwollend gedeutet, allzu schlichte Identifikationsangebote unterläuft.

Ausstatterin Anne Neuser hat für die verschiedenen biografischen Stationen teils äußerst ansprechende Bilder gefunden, in denen bestimmte Motive immer wiederkehren, wie Bambusstäbe und Zeitungsseiten – auch das eine ansprechende optische Entsprechung zu den musikalischen Verfahren des Komponisten. Wobei der komplexe Assoziationsraum des Abends, der immer wieder zum Deuteln anregt, in einem vielleicht entscheidenden Sinn der Wirkungsweise von Minimal Music eher entgegensteht: nämlich ebenjenem Aufgehen im Fluss der Musik.

Musikalisch ist das im Übrigen angemessen umgesetzt. Carlos Vázquez führt das Oldenburgische Staatsorchester durch die ungewohnte, auf eine Stunde und 50 Minuten gebrachte Partitur (andere Aufführungen kommen locker auf drei Stunden), der Chor, einstudiert von Thomas Bönisch, versieht seine hier ziemlich umfangreiche Aufgabe recht präzise und ausdrucksstark. Weniger überzeugend leider Timothy Oliver als Gandhi, mit etwas flachem Ton, während das übrige Ensemble, darunter Anna Avakian, Paul Brady und Hagar Sharvit, seinen Teil mehr als ordentlich macht. Für einen musikalischen wie szenischen Höhepunkt sorgt Melanie Lang (als Gandhis Gattin Kasturbai) in einem innigen Duett mit Valda Wilson, die als Mrs. Naidoo, politische Mitstreiterin Gandhis, agiert.

Insgesamt allerdings fällt das Fazit zwiespältig aus. Was an der überladenen Inszenierung liegen mag, aber auch an der Oper selbst, deren Faszination für asiatische Mystik heute befremdlich wirkt.

Weitere Vorstellungen: 13. und 27. Februar sowie 17. März, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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