Oldenburger Landesmuseum zeigt Plastiken von Michael Cleff

Bloß nicht gerade

„Über Addition 2012“: Michael Cleff orientiert sich an architektonischen Formen, ohne sich diesen Regeln zu unterwerfen.
+
„Über Addition 2012“: Michael Cleff orientiert sich an architektonischen Formen, ohne sich diesen Regeln zu unterwerfen.

Oldenburg - Von Mareike Bannasch. Dicht an dicht stehen die Häuser, schmiegen sich aneinander und kämpfen gegen das Umfallen. Kleine dunkle, ja schon fast schwarze Gebäude ducken sich neben große. Aber auch diese versprechen der Reihe nur wenig Halt, sind sie doch ebenfalls in sich schief und driften merklich nach rechts. Dass dies zu keiner städtebaulichen Katastrophe führt, ist einem entscheidenden und zugleich einfachen Grund zu verdanken: Die Gebäude sind aus Keramik, und ob die fließenden Formen wirklich Häuser sind, bleibt unklar.

Auch wenn sich in Michael Cleffs Werken unverkennbar eine Affinität zu Baukunst und architektonischen Formen erkennen lässt, wendet er sich entschieden von den strengen Vorgaben der Architektur ab – und dem rechten Winkel. Dieser findet sich in keiner seiner Plastiken, die mal mehr, mal weniger schief auf dem Boden des Marmorsaals im Oldenburger Schloss, dem Sitz des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, stehen. Und die dazu einladen, auch einmal in die Hocke zu gehen oder sich die Arbeiten von allen Seiten anzusehen. So bekommen Quadrate, Ellipsen und Kreise eine neue Perspektive, die sich beim bloßen Draufschauen nicht entfalten könnte.

Genauso wie die Erkenntnis, dass selbst die Dächer, auf die unweigerlich der erste Blick fällt, keine gerade Fläche, sondern ebenfalls leicht gebogen sind. In manchen Fällen von kleinen Öffnungen durchbrochen, die an die schmalen Fensterhöhlen moderner Mehrfamilienhäuser erinnern. Eben jene, die in jedem neu hochgezogenen Stadtteil zu finden sind. Doch auch wenn der beigefarbene Kegel einige Fensteröffnungen besitzt, dürfte nur wenig Licht ins Innere gelangen. Zu schmal sind die Aussparungen und eine Tür gibt es auch nicht. Genauso wie in allen anderen Plastiken des Gewinners des „Preises der Neuen Keramik 2013“. Sollten hier wirklich Menschen leben, dürften sie keine Probleme mit heißen Sommertagen haben, dafür aber mit Depressionen.

So auch in der „Über Addition 2010“. Dort steht ein mehr als leicht schiefes Rechteck – dieses Mal mit einem längeren Fenster – neben einer schon leicht angeschmutzten Mauer. Diese kann dem angeschlagenen Konstrukt, das jeden Moment wegzukippen droht, allerdings keinen Schutz bieten – schließlich ist sie selbst alles andere als gerade. Wellenartig arbeitet sich die Mauer in die Höhe, nur, um am höchsten Punkt abrupt zu enden und in die Tiefe zu fallen. Wie eine lang vernachlässigte Begrenzung, die mit einem alten Haus übriggeblieben ist. Bevor die Mehrfamilienhäuser mit den Miniaturfenstern kommen.

Auch diese Arbeiten sind, wie fast alle in der Ausstellung, in hellen, meist beigefarbenen Tönen gehalten. Aus einiger Entfernung erinnern sie an Hausputz. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass die Fassade nur Glasur ist, von Cleff aufgetragen. Und in der sich das Licht des Marmorsaals spiegelt. Er ist auch der heimliche Star der Ausstellung, da er den perfekten Rahmen für Architektur in Schieflage bietet. Nicht nur durch seine Größe, in der Cleffs Arbeiten wie kleine Pilze aus dem Boden ragen, sondern auch durch die geschwungenen Bögen der Stuck-Verzierungen an der Decke. Die sich in den weichen Formen der Häuser-Silhouetten wiederfinden und die Symbiose so noch unterstreichen, ohne dabei die Konzentration von Cleffs Arbeiten wegzulenken.

Die haben sich die Aufmerksamkeit des Betrachters auch mehr als verdient. Zeigt Michael Cleff in seinen Plastiken doch auf eindrucksvolle Weise, dass sich auch architektonische Formen nicht immer an alle Regeln halten müssen – sondern auch mal schief sein können. Und damit vielleicht auch einen Vorgeschmack auf die Bauweise der Städte der Zukunft geben. Dann aber bitte mit größeren Fenstern.

Michael Cleff: „Über fast rechte Winkel“, Oldenburger Schloss, bis zum 14. September.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Trump rät zu Masken - will sich aber nicht daran halten

Trump rät zu Masken - will sich aber nicht daran halten

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare