Oldenburger Horst-Janssen-Museum würdigt die Fotografin Karin Székessy

Porsche muss sein

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Hinter dem eigenen Werk zurück: Corinne von Lebusa neben einer Porträtserie.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. An was denkt man nicht alles beim Namen Joseph Beuys! „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ zum Beispiel, natürlich auch an Kojoten, Filz, Fettecken. Und dann natürlich: an den Hut. Nie ging er ohne ihn aus dem Haus, rar die Gelegenheiten, in denen er ihn lüftete. Sogar ein Theaterstück ist dieser Kopfbedeckung schon gewidmet worden.

„Wenn die Leute meinen Hut sehen, sagen sie: Da kommt der Beuys!“, erklärte der Künstler selbst einmal die Bedeutung seines liebsten Bekleidungsstücks.

Im Oldenburger Horst-Janssen-Museum sagt keiner: „Da kommt der Beuys!“ Denn dort ist er jetzt ohne Hut zu sehen. Die Fotografin Karin Székessy hatte ihn im Jahr 1961 barhäuptig erwischt, zum Markenzeichen sollte der Hut erst in den siebziger Jahren werden. Und so blickt Beuys mit in die Stirn gekämmtem Haar ein wenig bedröppelt aus der Wäsche: ein Bildhauer, der das Kunstwerk sichtbar noch im zu erschaffenden Objekt sieht und nicht in seiner eigenen Person.

Der unbehütete Beuys hat es in den Titel dieser Székessy-Retrospektive („Beuys ohne Hut“) im Oldenburger Horst-Janssen-Museum geschafft. Dabei sind andere Künstlerporträts interessanter, vor allem jene, die den Künstler in ein Verhältnis zu seinem Werk setzen. Der robuste, stämmige Sven Drühl etwa, der sich ganz klein neben sein schwarzes Matterhorn setzt, versteckt hinter dem Mobiliar seines Ateliers, den Blick demütig nach oben zum Gipfel gerichtet. Eindrucksvoll ist dieses Bild nicht zuletzt wegen seiner Lichtwirkung. Die bei Drühl häufig anzutreffende Technik monochromer Farbflächen mit Silikonstrukturen (Undead-Serie) entzieht sich eigentlich jedem Versuch einer fotografischen Abbildung. Székessy gelingt das scheinbar Unmögliche durch geschickte Berechnung von Lichteinfall und Blickwinkel: In der Reflexion der schwarzen Linien glaubt man plötzlich Schneefelder zu erkennen.

In eher diffusem Licht dagegen präsentiert sich Tilo Baumgärtel neben seinem Landschaftsbild. Unspezifische Schattenwürfe auf der Wand wie auf dem Gemälde: Wer das Werk im Original kennt, findet in diesem Porträt Baumgärtels eigene Vorliebe zu unscharfen Lichtverhältnissen wieder. Es lässt sich als Karin Székessys Grundprinzip ausmachen, den Künstler stets hinter sein Werk treten zu lassen, die Fotografin aber ihrerseits hinter den Künstler.

Corinne von Lebusa zum Beispiel blickt seitlich ins Bild, als diene ihr Gesicht lediglich zur Vervollständigung einer an der Wand hängenden 15-teiligen Porträtserie. Und Xenia Hausner fügt sich so bruchlos in ihr eigenes Bild ein, dass man die reale Künstlerin von ihren fiktiven Figuren zuerst gar nicht unterscheiden kann. Auch ein Porträt Daniel Spoerris wird zum Suchspiel. Im Park steht eine wuchtige alte Eiche links, eine Skulptur mit schornsteinartigem Kopf rechts, dazwischen rennt ein Hund durchs Bild – ja, wo ist er denn? Erst bei näherem Hinsehen, fällt ein Gesicht am Baumstamm auf: Spoerris Körper hat ein dunkler Anzug mit der Rinde verschmelzen lassen.

Das alles ist stets so beiläufig fotografiert, dass die Inszenierung wie zufällig erscheint, die Fotografin mehr als Dokumentarin auftritt denn als Künstlerin. Tatsächlich, heißt es, habe sie sich auch als solche nie verstanden, nicht zuletzt, weil ihr das Motiv des Enthüllens fern liege. Diesem Argument muss man natürlich nicht unbedingt folgen, für die Definition als Künstler gibt sich mancher Betrachter auch mit rein formalästhetischen Aspekten zufrieden.

Und manchmal wird die Fotografin auch doch als inszenierende und interpretierende Akteurin sichtbar. So kommt Kumi Sugaï, der vor dem Eiffelturm stolz mit seinem Porsche posiert, die seltene Ehre zu, von Székessy im Porträt nicht ausschließlich schwarz-weiß präsentiert zu werden. Knallrot hat sie den Porsche nachkoloriert: Was ist schon so ein grauer Eiffelturm da hinten im Vergleich zur geballten Ladung Pferdestärken!

Von morgen bis zum 26. April im Horst Janssen-Museum, Am Stadtmuseum 4-8 Oldenburg. Öffnungszeiten: Di.-So. 10-18 Uhr.

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