Oldenburger Ballettcompagnie verbindet Präzision und saloppe Körpersprache

Ausgelotete Sounds

+
Präsenz ist bei Lester René González Álvarez‘ Soloperformance das Stichwort.

Oldenburg - Von Andreas Schnell. Der Eiffel-Turm im Friedenszeichen ist am Samstagabend auf den Vorhang des großen Hauses des Staatstheaters projiziert – auch in Oldenburg wird getrauert.

Chefchoreograf Antoine Jully tritt vor das Publikum, bevor sich der Vorhang hebt, um vorab einige Worte zum aktuellen Geschehen zu sagen. Er betont, wie nahe ihm und seiner Compagnie die Terroranschläge in Paris am Vorabend gehen. Jully ist in Paris geboren und aufgewachsen, arbeitete dort, einige seiner Tänzer kommen aus Frankreich, einige wurden dort ausgebildet. „Das Wichtigste ist, uns nicht von unserem Weg abbringen zu lassen“, sagt Jully merklich bewegt.

Dieser Weg führt ihn und seine junge Compagnie, das deutet die erste Ballettpremiere der Spielzeit an, an die Übergänge zum zeitgenössischen Tanz und darüber hinaus, er lässt die Tänzer dabei zugleich Erfahrungen mit anderen Choreografen machen.

Den vierteiligen Abend eröffnen zwei Choreografien Jullys. „Dumbarton Oaks“ auf Strawinskys Kammerkonzert in Es-Dur gleichen Namens wirkt zumindest zur Premiere noch ein wenig unschlüssig, erkundet im Ensemble Rückstoß, Kippfiguren und die Auswirkungen explosionsartiger Impulse, wobei die Zusammenarbeit nicht immer präzise ist.

Uneingeschränkt bestechend dagegen das folgende Solo, in dem Lester René González Álvarez zu den Klängen von György Ligetis „Artikulation“ mit makelloser Präzision und eindrucksvoller Elastizität den Bühnenraum ausfüllt. Die Komposition stammt aus den Anfangstagen der elektronischen Musik und arbeitet mit abstrakten Sounds, die von Álvarez bis ins kleinste Detail ausgelotet und aufgenommen werden, wobei der Tänzer bis in die Fingerspitzen arbeitet und neben Elementen aus Ballett und zeitgenössischem Tanz auch Streetdance-Einflüssen einfließen lässt. Ein früher Höhepunkt des Abends, der danach eine von zwei Pausen bietet. Was nicht nur technisch (Umbau), sondern auch für den Zuschauer sinnvoll ist.

Nach der Unterbrechung geht es nämlich nicht nur musikalisch in einem ganz anderen Ton weiter: Zu Steve Reichs „Music for Mallet Instruments, Voices and Organ“ hat der us-amerikanische Choreograf Lar Lubovitch das 1976 in Brüssel uraufgeführte „Marimba“ geschaffen, das in Oldenburg erstmals seit der Uraufführung zu sehen ist. Reichs hypnotische Minimal Music ist hier der Taktgeber für eine auch technisch beeindruckende Ensembleleistung, in der die Tänzer gleichsam zu einem stetig pulsierenden Organismus verschmelzen, wobei die Körpersprache geradezu salopp erscheint.

Als zweite Uraufführung des Abends (nach „Artikulation“) gibt es nach einer weiteren Pause als Finale „Tripped Itch“ von Ashley Page zur Musik des kalifornischen Komponisten John Adams zu sehen. Auch hier überschreitet das Ensemble immer wieder die Grenzen zu zeitgenössischen Tanzformen, allerdings ganz anders als in den anderen Teilen des Abends, nämlich eleganter, „neoklassisch“, wie Jully im Programmheft formuliert, „pur und ekstatisch zugleich“.

Der Abschluss eines so vielseitigen wie spannenden Tanzabends, der auch vom Publikum begeistert aufgenommen wurde und für die Zukunft weitere frische Impulse aus Oldenburg verspricht.

Weitere Vorstellungen: 22. November und 13. Dezember, jeweils um 18 Uhr sowie am 28. November und am 28. Dezember um 19.30 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Völkermord-Klage: Suu Kyi verteidigt Militärs von Myanmar

Völkermord-Klage: Suu Kyi verteidigt Militärs von Myanmar

White Island: Sorge vor Ausbruch verzögert Opferbergung

White Island: Sorge vor Ausbruch verzögert Opferbergung

Mallorca will Schrauben gegen Sauftourismus anziehen

Mallorca will Schrauben gegen Sauftourismus anziehen

Mythen ums Schenken im Realitäts-Check

Mythen ums Schenken im Realitäts-Check

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Kommentare