„Medea“ erzählt am Oldenburgischen Staatstheater eine alte Geschichte neu

Mitmachen wollen genügt nicht

Verzweifelt: Nientje C. Schwabe als Medea. Foto: Stephan Walzl

Oldenburg - Von Rolf Stein. Es ist ein großer Auftritt, den Klaas Schramm da ganz nonchalant als König Kreon von Korinth hinlegt: Mitten im Stück kommt er einfach so durch eine Tür in den Zuschauerraum und fängt an zu erzählen. Von Medea, die von weit weg kommt, irgendwo an der Küste des Schwarzen Meeres – ein „komischer Name“ auch: Medea. Leidenschaftlich seien die Menschen dort, wo sie herkomme. Feinstes Ressentiment mit Augenzwinkern. Wird man ja wohl sagen dürfen. Wer hätte schon etwas gegen Fremde. Anpassen wollen müssen sie sich nur.

Medea ist eine der faszinierendsten Frauengestalten der europäischen Kulturgeschichte. Von königlicher Abstammung, mit Zauberkräften begabt, aber eben aus einem den Griechen fernen Land, eine Barbarin. Erst durch die Ehe mit Jason hat sie quasi in die Zivilisation eingeheiratet. Und dann bringt sie ihre eigenen Kinder um!

Von Euripides über Seneca und Giovanni Boccaccio bis zu Franz Grillparzer und Heiner Müller reicht die Schar der Schriftsteller, die sich Medeas angenommen haben – überwiegend Männer. Und so alt wie der Mythos ist die Frage, wer oder was denn nun Schuld trägt an dem Entsetzlichen.

Dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird, sagt man, und das sind, verkürzt gesagt, die Männer. Geschlechtergerechtigkeit ist bis heute Zukunftsmusik. Und hier setzt Mirja Biels Inszenierung der „Medea“ am Staatstheater in Oldenburg an, die sich lose an Grillparzer orientiert. Allerdings bürstet Biel die Geschlechter beherzt gegen den Strich: Kreons Tochter Kreusa wird von Johannes Schumacher gegeben, während Jason, Medeas Mann, von Katharina Shakina gespielt wird. Die Medea allerdings übernimmt eine Frau, Nientje C. Schwabe nämlich. Und wie! Aber dazu später mehr.

Mit dem Geschlechterspiel erreicht die Regie, dass neben der Frauenfrage ein weiterer Aspekt von „Medea“ sichtbar wird: Dass Jason sein persönliches Fortkommen über sein einstiges Treueversprechen stellt, ist hier eben nicht nur die Reproduktion des hierzulande immerhin porös gewordenen Verhältnisses von Mann und Frau. Es steht auch für eine andere, eine zweite Diskriminierung. Intersektionalität, nennt man das. Kreon liefert zu diesem Rassismus das menschliche Antlitz – und hat als Souverän die Macht, seine Position auch Jason verständlich zu machen: Medea oder Karriere, beides geht nicht. Da nützt es nichts, dass Medea Jason half, das Goldene Vlies zu erbeuten.

Das Ende haben wir schon verraten. Es erfolgt auch in Oldenburg mit schrecklicher Konsequenz. Nientje C. Schwabe verleiht Medea eindringliche Präsenz, schürft tief in den Gemütslagen und Stadien zwischen glühender Liebe, abgrundtiefer Enttäuschung und ohnmächtiger Wut. Was sich ohne Weiteres als explosive Grundlage ihrer Taten nachvollziehen lässt.

Katharina Shakina ist als weiblicher Jason eine spannungsvolle Gegenfigur, Johannes Schumacher spielt Kreons Tocher Glauke mit subtiler Arroganz, Manuel Thielen führt als goldener Narr durch die Geschichte. während der Chor, der im antiken Theater ja eine gewichtige Rolle spielt, hier mit Caroline Nagel, Elif Esmen, Sophie Köster und Katharina Shakina zwar stark besetzt ist, aber überraschend wenig zu melden hat.

Die Bühne (Matthias Nebel) suggeriert Beckettsche Unbehaustheit, Videoprojektionen erzählen suggestiv von besseren Zeiten, die Kostüme bon Britta Leonhardt spielen mit Antikeverweisen, halten die Erzählung aber zeitlich offen. Ein bei aller Schwere geradezu kurzweiliger Abend.

Die nächsten Termine

Donnerstag, 18.30 Uhr, Donnerstag, 14. und Freitag, 15. November, jeweils 20 Uhr, Sonntag, 24. November, 18.30 Uhr, Kleines Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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