In Oldenburg hat der „Der Vetter aus Dingsda“ Premiere im Kleinen Haus

Gefangen im Komödienstadl

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In einer sehr am Original klebenden Inszenierung überzeugt vor allem Laura Scherwitzl als Hannchen (hier mit Marek Wild als Roderich de Weert).

Oldenburg - Von Andreas Schnell. Nein, da waren wir wohl schon einmal weiter: Das Bremer Publikum wird sich noch erinnern an einen „Vetter aus Dingsda“, den Kapellmeister Florian Ziemen und Regisseur Frank Hilbrich vor rund vier Jahren nach dem Originalmanuskript des Komponisten Eduard Künneke gründlich von Operettenschmalz und angestaubter Retro-Komik gereinigt hatten. Weil sie nämlich der im übrigen gut begründeten Ansicht waren, dass Operette auch zu Künnekes Zeiten etwas anderes war als ein harmloses Vergnügen für die ganze Familie. Publikum und Presse überschlugen sich damals in seltener Einmütigkeit vor Begeisterung.

In Oldenburg war am Samstagabend zumindest das Publikum begeistert von dem, was Regisseur Ralf Budde und Dirigent Thomas Bönisch im Kleinen Haus präsentierten. Gewiss birgt die Geschichte, die Künnekes Erfolgsoperette erzählt, keinen Anlass, die großen Themen aufzublättern und neu zu deuten. Es geht darin vor allem um kurzweilige Verwechslungsgeschichten und die Auseinandersetzung zwischen der verträumten Julia de Weert, die an der Schwelle zur Mündigkeit ihrer Kindheitsliebe anhängt, und ihrem Vormund Josef Kuhbrot, der mit der Vormundschaft über Julia auch seinen materiellen Wohlstand schwinden sieht. Weshalb er Julia an seinen Neffen verkuppeln möchte, damit das Geld in der Familie bleibt. Nachdem Julia sich zunächst als so hartnäckig in ihrer Kinderliebe erweist, dass sie sich sogar einen falschen Mann als wahre Liebe einleuchten lässt, wird am Ende alles gut. Nur der treudoofe Bürokrat Egon von Wildenhagen hat das Nachsehen.

An ihm, oder besser: Seiner Verkörperung durch Andreas Lüthje, lässt sich Buddes Regieansatz umstandslos ablesen: Wie ein junger Heinz Erhardt mutet Lüthje an, wenn er das Papier, in das die Blumen eingewickelt sind, die er seiner angebeteten Julia zur Werbung überreichen möchte, vor der Blumenübergabe sorgfältig zusammenfaltet, weil man es ja bestimmt noch einmal gebrauchen kann. Dazu kommen noch einige Stolperkunststücke, die er mit durchaus beträchtlicher Spielfreude ausführt. Ein andrer Stolperkünstler ist der stumme Diener, der – Anspielung! – in „Dinner for one“-Manier an der stets selben Stelle strauchelt. Und einmal dann natürlich auch nicht. Was dann auch so etwas wie der einzige Regieeinfall des Abends ist. Der Rest hängt treu einem Komödienstadl-Humor an, den wir an deutschen Staatstheatern überwunden glaubten.

Musikalisch geriet die Sache erfreulicher: Ähnlich wie in der erwähnten Bremer Inszenierung setzt Bönisch auf eine kleine Besetzung, die Einflüsse der Tanzmusik der Zwanzigerjahre mit dem nötigen Swing umsetzte und insgesamt angenehm unschmalzig agierte. Gesanglich und darstellerisch konnte vor allem Laura Scherwitzl als Hannchen mit einer ausgesprochen spritzigen Partie überzeugen, während sich Dirk Konnerth, der erst vor wenigen Tagen für den erkrankten Philipp Kapeller die Titelrolle übernahm, mit dezentem Wiener Schmäh mehr als achtbar schlug. Valda Wilson als Julia erwies sich darstellerisch dem Operettengenre eher gewachsen als gesanglich, wo sie immer wieder mehr auf Opernpathos setzte als auf den schlagerhaften Ton der Vorlage.

Beim Publikum traf das offenbar voll ins Schwarze. Eine Haltung dem Stoff oder dem Genre gegenüber, eine Idee davon, warum, abseits von purer Unterhaltung, dieser „Vetter aus Dingsda“ heute gespielt werden sollte – bekam man vor wenigen Jahren in Bremen. Aber nicht hier.

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