Lily Dahab und Band präsentieren im Bremer Sendesaal argentinische Folklore

Ohne Tango geht nichts

Lily Dahab singt Folklore und Jazz. ·
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Lily Dahab singt Folklore und Jazz.

Bremen - Von Nina Baucke. Die Luft ist kühl und klar, das Thermometer zeigt zaghafte Ausschläge unter Null an – beste klimatische Bedingungen für die ersten Eisblumen an den Fenstern.

Aber dafür, dass sich das Abfinden mit dem Winter noch ein wenig hinauszögert, sorgt das Konzert von Lily Dahab im Bremer Sendesaal: Schon die ersten Töne, die die gebürtige Argentinierin mit ihrer vollen, warmen Stimme anschlägt, lassen den kalten Bremer Herbst vergessen.

Folkloresängerin aus Südamerika – diese Informationen reichen schon aus, um im Vorfeld zu ahnen, welche musikalische Richtung das Konzertprogramm einschlagen wird. Aber die in Berlin lebende Argentinierin scheint diese Erwartungen zu kennen und bedient sie mit einem Augenzwinkern. So ändern selbst die ein oder anderen erfüllten Klischees nichts an der musikalischen Wohlfühlatmosphäre, die sie und ihre Band im Sendesaal verbreiten. Und dennoch bleibt Raum für Überraschungen, denn großartige Temperamentsausbrüche und wilde Latin-Rhythmen beschränken sich auf wenige Ausnahmen. „Das Publikum beispielsweise in Spanien ist sehr viel lebhafter“, bemerkt Dahab. In Deutschland und vor allem hier in Bremen sei das anders.

Das mag allerdings nicht nur an der hanseatischen Zurückhaltung liegen, sondern auch an der vorwiegend melancholischen Note des Abends. Denn die sorgt eher für andächtiges Genießen als für wilde Tanzwut. Es geht um Träume, Gefühle und vor allem um die Heimat: Referenzen an Argentinien, besonders aber an ihre Heimatstadt Buenos Aires ziehen sich wie ein roter Faden durch das Programm.

Dass eine argentinische Folkloresängerin Kompositionen von Astor Piazzolla im Programm hat, ist dabei fast schon obligatorisch – nichts geht ohne Tango – und trotzdem versetzen vor allem diese Lieder den Zuhörer gedanklich in die Straßen von Buenos Aires. Gleichzeitig sind es die Stücke, bei denen Lily Dahabs Vergangenheit als Musical-Darstellerin sehr deutlich durchscheint – denn hier vermischen sich die Emotionen in ihrer Stimme mit einem Schuss Pathos und großer, ausladender Gestik.

Dass sie auch anders kann, zeigt sie mit Stücken wie „Bésame mucho“. Das oft gecoverte Lied von der Komponistin Consuelo Velázquez gefällt im Sendesaal in einer Fassung von Bene Aperdannier, der Dahab am Flügel begleitet. Sie bildet einen reizvollen Kontrast zu den gängigen Varianten im Rock‘n‘Roll-, Mambo- und Big-Band-Sound. Aperdannier setzt in seinem entschleunigten Arrangement ganz allein auf Lily Dahabs Stimme, die Instrumentierung, zu der neben dem Flügel auch ein Kontrabass (Andreas Henze) und Gitarre (Jo Gehlmann) gehören, dient allenfalls als dezenter Klangteppich.

Als ein Höhepunkt des Konzertes entpuppt sich „Dentras del muro de los lamentos“: Die Einleitung mit einem ausführlichen Solo von Aperdannier will zunächst mit lauten, düsteren Tönen phasenweise stilistisch nicht in das Konzert passen, bis es dann in dem musikalisch wohl interessantesten Song des Abends mündet: Dabei pendelt Dahab zwischen Jazz und Latin hin und her, und vor allem Topo Gioia am Schlagzeug zieht alle rhythmischen Register. Überhaupt trägt der Argentinier sehr zum südlichen Flair im Sendesaal bei. Denn er schafft mit zahlreichen Percussion-Instrumenten eine effektvolle Geräuschkulisse, die an einen subtropischen Regenwald erinnert – inklusive der Insektenlaute und Vogelstimmen.

Einen Beigeschmack hinterlässt lediglich der Ton in der ersten Konzerthälfte: Den Instrumenten, aber vor allem Dahabs Gesang mischen die Techniker sehr viel Hall bei – was aufgrund der Akustik im Sendesaal und vor allem des Volumens ihrer Stimme überhaupt nicht nötig wäre.

Was bleibt, ist am Ende der Latino-Sound der Musik im Ohr – und damit scheint dann auch der Herbst nicht mehr ganz so kalt.

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