In der Kulturkirche zeigt Emese Kazár „Ecce Homo – Der Mensch und sein Bild“

Oh Gott, ein Mensch

Kunstvoll verhüllt: „Beweinung“ von Emese Kazár.
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Kunstvoll verhüllt: „Beweinung“ von Emese Kazár.

Bremen – Die Bibel ist da eigentlich recht eindeutig: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“, sprach der Herr, zumindest laut dem Buch der Bücher. Dass wir dennoch unwillkürlich an einen alten weißen Mann mit Bart denken, wenn vom lieben Gott die Rede ist, lässt sich dagegen kaum leugnen. Was hat sich der Allmächtige wohl dabei gedacht?

Nun ist es kein Geheimnis, dass besagte höchste Instanz ja dann möglicherweise doch keinen Anspruch auf die Urheberschaft von schlichtweg allem erheben kann, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Nicht nur der Philosoph Friedrich Nietzsche hat da bekanntlich Einwände formuliert. Schon die Christenheit selbst setzt sich bekanntlich seit Längerem über das zitierte Bilderverbot hinweg, das zumindest in den ersten Jahrhunderten des Christentums auch den Gottessohn Jesus einschloss. Und das ist der Punkt, um den herum sich beinahe buchstäblich die Arbeiten der Bremer Künstlerin Emese Kazár bewegen, die sie im Rahmen des 9. Künstlerstipendiums der Bremischen Evangelischen Kirche realisiert hat und die nun bis Anfang Oktober in der Kulturkirche zu sehen sind.

Dabei begibt sie sich an die Anfänge der Jesus-Darstellungen zurück, die irgendwo im frühen Mittelalter zu verorten sind. Der Großteil der von ihr verwendeten Vorlagen und Inspirationen stammt derweil aus der Renaissance, aus der Zeit zwischen dem mittleren 14. und dem mittleren 15. Jahrhundert. Und dabei liegt der Fokus auf Anfang und Ende des Lebens Jesu, zwischen dem Blut der Beschneidung und dem der Passionsgeschichte. Dazwischen liegt das Leben des Erlösers, der als Mensch auf die Erde kam. „Ecce Homo“: Siehe, der Mensch – so stellt im Johannesevangelium der römische Statthalter Pontius Pilatus dem Volk den mit Dornen gekrönten Jesus vor.

Die kunstgeschichtlichen Bezüge sind dabei zentral: Kulturkirchen-Pastorin Diemut Meyer weist in ihren Ausführungen zu der Ausstellung darauf hin, dass Jesus ab dem 5. Jahrhundert zunächst als sieghafter Gott dargestellt wurde, während später eine „Vermenschlichung“ eingesetzt habe. Eine Entwicklung, die sich mindestens bis in die jüngere Vergangenheit fortsetzt: Im Nationalsozialismus war der Heiland blond und blauäugig – während die moderne Forschung davon ausgeht, dass Jesus eher olivfarbene Haut hatte und dunkles Haar trug.

Emese Kazár setzt in „Ecce Homo“ mit einem im Grunde genommen schlichten Kniff das Nachdenken über diese volatile, aber freilich keineswegs zufällige Dynamik in Gang. Zu sehen ist der Gottessohn im Grunde genommen nicht. Zwar gibt es in einem Nebenraum des Kirchenraums eine beinahe schon unverschämt direkte Begegnung mit Jesus, die den Betrachter aber recht umstandslos auf sich selbst zurückwirft. Eine weitere Arbeit zeigt das Kind Jesus – aber das Gesicht entbehrt weitgehend charakterischer Züge. In den übrigen Bildern ist der Gottessohn entweder als Leerstelle zu sehen, wie in der „Darbringung im Tempel“, wo an seiner Stelle der Bilduntergrund durchscheint – oder der ohnehin lediglich als Ausschnitt dargestellte Körper ist gleich ganz verhüllt. Damit laden Kazárs Bilder dazu ein, die Leerstelle Jesus, das, was hinter dem Sichtbaren liegt, mit eigenen Bildern zu vervollständigen.

Dabei finden ihre Arbeiten auch formal vielschichtige Lösungen: Das Material Holz wie auch Maltechniken verweisen auf frühe Vorlagen, während Verhüllung bisweilen wie gemalt wirkt, sich bei näherem Hinsehen aber als echte Verschleierung erweist. Während das erwähnte Antlitz im Nebenraum so installiert ist, dass es sich erst nach der Enttäuschung offenbart, in einem vermeintlich leeren Raum mit schwarzen Wänden gelandet zu sein.

Sehen

Emese Kazár: „Ecce Homo – Der Mensch und sein Bild“, Eröffnung: Donnerstag, 19 Uhr, bis 8. Oktober, Kulturkirche Bremen; im Internet: www.kulturkirche- bremen.de.

Von Rolf Stein

Jesus als Leerstelle: „Darbringung im Tempel“ von Emese Kazár.

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