Ausstellung über Verleger Peter Suhrkamp

Ein Offizier und Pädagoge

Peter Suhrkamp - Foto: Englert/Suhrkamp Verlagsarchiv

Bremen - Von Rolf Stein. Theodor W. Adorno will einst geträumt haben, Peter Suhrkamp habe ein „kulturkritisches Buch geschrieben – auf Plattdeutsch“. Was nicht so weit hergeholt war, wie es klingen mag. Suhrkamp, sagt Etta Bengen, habe in seiner Kindheit nur Platt gesprochen. Bengen, die für die Galerie im Park in Bremen eine Ausstellung über Peter Suhrkamp kuratiert hat, ist tief in die Biografie des Gründers des großen Verlegers eingetaucht.

„Peter Suhrkamp (189 – 1959) – Lebenswege“ ist ab Sonntag in Bremen zu sehen, nach Stationen in Suhrkamps Geburtsort Kirchhatten und Oldenburg, wo er zum Lehrer ausgebildet wurde. Bengens Recherche gibt nicht nur Aufschluss über die biografischen Wurzeln Suhrkamps – sondern auch über Lücken und Ungereimtheiten im Lebenslauf. Suhrkamp selbst, der eigentlich Johann Heinrich mit Vornamen hieß, klitterte offenbar seinen Lebenslauf gern selbst.

Was ihm gelegentlich Ärger einbrachte. Als er in Wickersdorf unterrichtet, gestattet er nicht nur seinen Schülern das Rauchen, sondern gibt auch an, „die Dame, mit der er nach Wickersdorf gekommen war, sei seine Frau“. Was schlicht gelogen ist. Seine Lehrerlaufbahn ist damit beendet. 1929 wird er Redakteur des „UHU“, für den unter anderem Walter Benjamin und Bertolt Brecht schreiben, von hier ist der Weg nicht mehr weit zu seiner Verlegertätigkeit – auch wenn der Nationalsozialismus das beinahe verhindert hätte.

Wie Suhrkamp schließlich den S. Fischer Verlag übernimmt, der schließlich auf Betreiben des Propagandaministeriums in Suhrkamp Verlag umbenannt werden muss, wie Suhrkamp nach dem Zweiten Weltkrieg als erster deutscher Verleger einer Verlagslizenz bekommt und im Folgenden zu einer der prägenden Figuren der Nachkriegsliteratur wird, dürfte einigermaßen bekannt sein. Dass es im Klinikum Bremen-Ost in den Archiven eine Krankenakte über Suhrkamp gibt, wohl weniger. Als Offizier wurde er gegen Ende des Ersten Weltkriegs, weniger körperlich verletzt als seelisch traumatisiert, in der Psychiatrischen Anstalt in Ellen im Bremer Osten behandelt. Vom 15. Oktober 1918 bis zum 11. Januar 1919 erholt er sich hier langsam von einem Zusammenbruch. Ein Raum der Ausstellung widmet sich dieser Episode in Suhrkamps Leben, unter den Exponaten findet sich neben zeitgenössischen Fotografien, Einrichtungsgegenständen der Klinik auch sein Reisekoffer.

Danach verlässt Suhrkamp Norddeutschland bis auf weiteres. Der der neuen Jugendbewegung zuneigende Pädagoge geht als Lehrer an die Odenwaldschule, die später zweifelhaften Ruhm erlangt. Wie norddeutsch Suhrkamp allerdings noch im fortgeschrittenen Alter klang, lässt sich in der Galerie im Park über ein archaisches Bakelit-Telefon mit Wählscheibe nachhören. Eine spannende Lektion in deutscher Geistesgeschichte.

„Peter Suhrkamp (1891 – 1959) – Lebenswege“, ab Sonntag bis 5.2.2017, Galerie im Park, klinikum Bremen-Ost, Bremen.

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