Festival „Theaterformen“ in Hannover geht mit einem gemischten Doppel zu Ende

Offene Sinnfrage

„Hate“ von Laetitia Dosch handelt von unserem Verhältnis zu Tieren. Fotos: Ian Douglas / Dorothée Thébert Filliger

Hannover - Von Jörg Worat. Die „Theaterformen“ in Hannover hatten schon immer etwas von einer Wundertüte an sich – nicht wirklich erstaunlich, verpflichtet doch schon der Name des Festivals zur Präsentation von Produktionen in außergewöhnlichem Rahmen. Das geht mal daneben, klappt mal wunderbar, und zum Abschluss der Veranstaltungsreihe, die eine Gesamtauslastung von 83 Prozent verzeichnete, konnte man beides direkt hintereinander erleben.

Laetitia und Corazon unterhalten sich auf der Schauspielhaus-Bühne. Klingt nicht wirklich nach einer speziellen Vorstellung? Doch, doch: Corazon ist nämlich ein Pferd, ein echtes, und wirkt im höchst sonderbaren Stück „Hate“ mit. Zu hassen gibt es für Performerin Laetitia Dosch offenbar einiges, wenn man ihren Monologen so folgt, in denen sie über die Verhältnisse im Allgemeinen und Besonderen herzieht. Die meisten Besucher haben sich Empfänger und Kopfhörer geben lassen, um die Simultanübersetzung des französischen Originaltons zu verfolgen – die besorgt eine sehr jung und etwas unflexibel klingende Stimme.

Vom Hass zur Liebe: Laetitia Dosch, die fast nackt agiert, denkt darüber nach, wie wir mit den Tieren umgehen, und lässt das Publikum beiläufig wissen, dass zwischen ihr und Corazon „mehr sei“ als nur die Karotten, die sie ab und zu verfüttert. Scheint so, denn die Performance, in der irgendwann auch das Pferd eine Stimme verliehen bekommt, wird zwischenzeitlich recht körperlich: Frau und Schimmel beschnüffeln gegenseitig ihre Hinterteile, und dann folgen gar zu ausführliche Überlegungen, wie denn eine körperliche Vereinigung aussehen könnte – das ist vielleicht kurz noch lustig, als zu diesem Zweck ein Miniaturzelt aufgebaut wird, driftet aber schnell ins Unangenehme, während die Sinnfrage offen bleibt. Dem zweifellos wichtigen Thema, wie ein gleichberechtigtes Miteinander von Mensch und Tier aussehen könnten, kommt man so sicher nicht auf die Spur. Zumal die Performance letztlich kaum etwas anderes ist als ein Dressurakt.

Vorab ist das Publikum mehrfach darauf eingeschworen worden, Ruhe zu bewahren, Corazon schreckt aber auch nicht auf, als während der Vorstellung im Zuschauerraum dann doch einmal etwas polternd zu Boden fällt – dieses Pferd hat offenbar gelernt, brav zu sein.

Es gibt humorvolle Momente, wenn Laetitia Dosch etwa als Startrampe fürs Aufsitzen einen mächtigen Felsbrocken herbeischleppt, der wahrscheinlich aus Pappmaché besteht, und darauf hinweist, dass solche Kraftakte nur im Theater möglich seien. Doch unter dem Strich wirkt die Performance eher wie eine etwas bemühte Provokation, die zudem immer mehr zerfasert: Derber Rap erklingt, Pferd ist sauer auf Frau, Frau ist sauer auf Pferd, Frau singt noch ein Lied, und so schleppt sich das Ganze mühsam dem Ende entgegen. Eine „Theaterform“? Klar, aber in dieser Umsetzung eine entbehrliche.

Im Gegensatz zu „The Collectors“ – dafür muss man in den Ballhof 2 hinüberflitzen. Die „600 Highwaymen“ aus New York, das Regieduo Abigail Browde und Michael Silverstone, haben einmal mehr Normalsterbliche auf die Bühne geholt und damit den diesjährigen Programm-Schwerpunkt der „Theaterformen“-Leiterin Martine Dennewald bedient, die partizipative Projekte in den Vordergrund gestellt hat.

„Jeder sammelt etwas“, lautet gleichsam das Mantra des Abends, und vier Personen führen ihre Kollektionen vor. Der neunjährige Marek Rode berichtet, wie er einst seine erste Sammelkarte mit einer Abbildung des Fußballers Marco Reus aus dem Müll gezogen habe, die zwei Jahre ältere Minna November Braun erläutert anhand von Postkarten, wo sie schon überall gewesen ist (unter anderem fünfmal in Minnesota) und wo sie noch hinmöchte.

Da wollen die Erwachsenen natürlich mithalten. Rex Lützkendorf führt ihre Sammlungen von Obsteinwickelpapieren, Eislöffeln und anderen Kuriositäten vor, sagt dabei so wunderbare Sätze wie: „Ich bin Materialfetischistin, und dies ist mein Coming-out.“ Und zum Abschluss räumt Olaf Dose, einziger Nicht-Hannoveraner in diesem Quartett, voll ab, indem er seine Kollektion von David-Bowie-Devotionalien und die Sammelbände mit Zeitschriften wie „Sounds“, „Pop“ oder „Mad“ zeigt und dabei berichtet, welche Bedeutung all das für seine Abnabelung von einem offenbar eher spießigen Elternhaus hatte.

Das ist sehr anrührend, zugleich sehr charmant und sehr witzig. Was auch damit zu tun hat, dass alle Mitwirkenden des Abends absolut bühnenkompatibel sind. Und um den Abend nicht in bloßes Aufsagen abdriften zu lassen, haben die „600 Highwaymen“ ein paar abstrakte Momente eingebaut. Ohne choreografische Passagen, in diesem Fall Bewegungsmuster der Hände auf dem Tisch, geht es bei ihnen nie ab, und eine herrlich verwirrende Idee war es, die deutschen Sammler ihre Texte teilweise auf Englisch sprechen und von der aus der französischsprachigen Schweiz stammenden Dolmetscherin Miaïna Razakamanantsoa wiederum ins Deutsche übertragen zu lassen.

Toller Abend. So toll, dass die „600 Highwaymen“ überlegen sollten, ob sie wirklich noch viel daran feilen wollen – die hannoversche Vorstellung war nämlich eigentlich nur ein Zwischenschritt hin zur Braunschweiger Uraufführung im kommenden Jahr.

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