Johann Büsen setzt sich in der Kulturkirche mit dem Menetekel auseinander

Die Offenbarungen des Johann

„Pieta“

Bremen - Von Rolf Stein. Menetekel, das kennt man wohl, als Ausdruck von etwas Unheilverkündendem. Vielleicht erinnert sich manch einer noch blass an eine geisterhafte Hand, die ebenjenes Menetekel an die Wand malt. Das genügt vielleicht auch schon, um ein bisschen neugierig auf die neue Ausstellung in der Bremer Kulturkirche zu werden, die den Namen „Menetekel“ trägt.

Johann Büsen, Jahrgang 1984, diplomiert an der Bremer Hochschule für Künste und unter anderem Träger des Paula Modersohn-Becker Nachwuchs-Kunstpreises der Kunsthalle Worpswede von 2010, ist in Bremen mit seinen oft exzessiv detaillierten Griffen ins weltweite Bildreservoir alles andere als ein Unbekannter. Am Rechner schichtet, verfremdet, färbt, verschneidet er sein Material zu referenzenprallen Bildmontagen. Bremer können das im Kunsttunnel zwischen Osterdeich und Altenwall sinnlich erfahren.

Für „Menetekel“ in der Kulturkirche, entstanden während zehn Monaten im Rahmen des achten Kunststipendiums, habe er ein Jahr recherchiert, unter anderem 100 Stunden lang die Bibel als Hörbuch durchgehört und 30 000 alte Kunstwerke, Dutzende Filme und Serien geschaut. Eine ausufernde Recherche, die sich nun in knapp 50 Werken niederschlägt, die in der Kulturkirche, aber auch außerhalb von ihr zu sehen sind, unter anderem am Turm.

Das ist nicht ganz unbedeutend für die ganze Auseinandersetzung mit dem biblischen Motiv. Früher zog er durchaus auch mit der Spraydose los und malte Kunst an die Wand. Und so rätselhaft wie bei der Street Art oft die Urheberschaft, so geheimnisvoll ist in der Bibel zunächst der Autor des Menetekel. Dessen Adressat, König Belsazar, muss erst Daniel, genau: der mit der Löwengrube, kann den Text entschlüsseln. Schlechte Nachrichten für Belsazar. Gott hatte ihn gewogen – und für zu leicht befunden.

Zeichen an der Wand, die von Unheil künden: Das wäre so etwas wie der theologische Subtext dieser Ausstellung. Wobei der Künstler selbst dazu lieber schweigt. Fragen aufwerfen, das ja, Antworten geben will er nicht. Und als Betrachter lässt es sich eigentlich auch ganz gut ohne leben mit und in dieser Bilderflut. Immer wieder erkennt man etwas wieder, aus dem Bildervorrat des christlichen Abendlandes, der ja den eher morgenländischen Ursprüngen der Konfession erst aufgestülpt werden musste. Dazu kommen dann weitere Augenblicke des Erkennens: Japanische Anime-Momente beispielsweise, aber auch an ältere japanische Meister wie Katsushika Hokusai, an Motive, die an Science-Fiction-Filme wie „Alien“ erinnern oder an Caspar David Friedrichs „Eismeer.

Und dann entsteht auf einmal eine doch ganz handfeste Ebene. Friedrich zeigt „ein gescheitertes Schiff unter den auftürmenden Eismassen“, Büsen platziert auf einer der Eisschollen einen Astronauten, der zwei Insektenlarven trägt. „Noah“ heißt das Bild – es gehört nicht viel Fantasie dazu, den Bogen zum Insektensterben im Besonderen und zur Klimakatastrophe im Allgemeinen zu schlagen.

Nirgends allerdings wirkt das didaktisch oder moralinsauer. Im Gegenteil. Die Lust am Spiel mit den Bildern, die auch eine Enthierarchisierung bedeutet, überträgt sich umstandslos auf den Betrachter. „Mutter und Kind“ beispielsweise ist im Lentikulardruckverfahren entstanden, erklärt Büsen. Von sogenannten Wackelbildern kennt man diese Technik. Je nachdem, wie der Betrachter zum Bild steht, sieht er es anders, geraten die Dinge darauf in Bewegung. Da flattern nicht nur Schmetterlinge durch das Bild. Das Kind, einschlägigen Darstellungen des kindlichen Jesus nachempfunden, legt auch die Brust der Mutter frei.

In einer weiteren Arbeit zeigt sich noch ein interessanter Bezug zum kirchlichen Raum: Der „Höllensturz“ erinnert an Wimmelbilder, die sich freilich auf alte Meister wie Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel den Älteren zurückverfolgen lassen. Die Fülle darin sich offenbarender paralleler Figuren und Geschichten übt einen regelrecht immersiven Sog aus, der auf seine Weise als andächtige Versenkung zu beschreiben wäre. Worin durchaus eine Parallele zum Buch der Bücher liegt, das ja recht besehen auch ein großes Wimmelbilderbuch ist.

Büsen, laut Kulturpastorin Diemut Meyer übrigens der bislang jüngste Stipendiat, interessiert sich erklärtermaßen auch dafür, wie seine Bilderwelten weiter zu entwickeln wären. Eine Virtual-Reality-Brille denkt seine Auseinandersetzung weiter in den digitalen Raum. Und wer ein Stück davon mit nach Hause nehmen will, kann das übrigens auch tun, in Form von T-Shirts und Aufklebern zum Beispiel.

Sehen:

Johann Büsen. „Menetekel“, Eröffnung: heute, 19 Uhr, Ausstellung bis 30. Juni, Kulturkirche St. Stephani, Bremen.

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