„Ganz bestimmte“ Geschichten: Regisseur Ulrich Seidl hat gestern den 12. Bremer Filmpreis erhalten

In Österreichs Kellern zu Besuch

Anregungen von Regiekollegen? Nein Danke. Der „einmalige Typ“ Ulrich Seidl wurde gestern mit dem Bremer Filmpreis ausgezeichnet.

Von Johannes Bruggaier BREMEN (Eig. Ber.) · Natürlich, sagt Ulrich Seidl, drehe er seine Filme für „ein möglichst großes Publikum“. An das Publikum jedoch denke er bei der Arbeit überhaupt nicht. Selbstverständlich seien seine Filme nicht rein dokumentarisch. Rein fiktiv allerdings auch nicht. Es sei schon interessant, sagt Seidl, was die Österreicher so alles in ihren Kellern treiben. Nein, typisch österreichisch sei das aber nicht.

Ulrich Seidl, der gestern Abend mit dem 12. Bremer Filmpreis ausgezeichnet wurde, ließe sich wohl mit gutem Recht als Mann voller Widersprüche beschreiben. Ein „absolut einmaliger Typ“ sei er, erklärte Karl-Heinz Schmied vom Kino 46 gestern auf einer Pressekonferenz; einer „der sich in kein System zwängen“ lasse. Das „Enfant terrible“ der österreichischen Filmszene also, hoffte sogleich ein Kollege der Boulevardpresse vermelden zu dürfen.

Geht der Filmpreis diesmal also an einen dieser Schaumschläger? An einen, der sich mit Plattitüden wie „einmalig“, „authentisch“ und „echter Typ“ als autonomer Querdenker geriert? Einen, der seine inhaltliche Orientierungslosigkeit geschickt mit vornehmer Standpunktverweigerung kaschiert? Keineswegs.

Seidl, der mit episodenhaften, von einem Mix aus Realitätsabbildung und Fiktion geprägten Streifen wie „Hundstage“ (2000) und „Import Export“ (2007) bekannt wurde, ist der Gegenentwurf zu so manchen Alphatieren seiner Branche. Bescheiden. Still. Intellektuell, ohne daraus eine große Sache zu machen. Mit leiser Stimme legt er dar, weshalb die Widersprüche seiner Arbeit gar keine sind. Auf Publikumserfolge etwa hoffe selbstverständlich jeder Regisseur. Anders als viele Kollegen jedoch ordnet Seidl diese Hoffnung dem künstlerischen Ziel unter. An erster Stelle steht der Anspruch, an zweiter die Hoffnung, dass die Kinos trotzdem voll sind: das masochistische Prinzip des klassischen Kunstbetriebs.

Dass er mit seiner ästhetischen Verortung im Grenzbereich zwischen Dokumentation und Spielfilm voll im Trend liegt, ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze lautet: Er hat den Trend gesetzt. Als er damit vor 20 Jahren seine Filmkarriere begonnen habe, erzählt Seidl, sei ihm in seiner österreichischen Heimat aufgrund dieser Methode das Scheitern prophezeit worden. Dokumentarfilme, die auch Spielfilme sind und umgekehrt? „Damals hieß es: Das darf man nicht“, sagt Seidl. Ihm jedoch sei es von Anfang an darauf angekommen, „eine ganz bestimmte Geschichte“ zu erzählen. Spielfilme, Dokumentarfilme: Was hätte er dabei mit solchen Kategorien anfangen sollen?

Die erwähnten Keller im Alpenland sind Drehort seines neuen Projekts. Oder vielmehr: des einen seiner beiden aktuell laufenden Projekte. Das andere Vorhaben trägt den Arbeitstitel „Paradies“. „Keller“ und „Paradies“: wieder so ein scheinbarer Widerspruch. Natürlich, sagt Seidl, werde das Publikum seiner „Keller“-Produktion wohl zwangsläufig an die Verließe der Elisabeth Fritzl und Natascha Kampusch denken. Tatsächlich jedoch werden sich die österreichischen Keller etwa von den deutschen nicht wesentlich unterscheiden. Hauptmerkmal des typischen Einfamilienhaus-Untergeschosses: Es ist umfangreicher ausgestattet als der Wohnraum. „Die Menschen verbringen ihre Freizeit unten“, sagt Seidl. Das Wohnzimmer mit Sofa, Kamin und Perserteppich diene lediglich zur Repräsentation – in Österreich wie mutmaßlich auch in vielen anderen Länder Europas.

Seidl, so heißt es in der Begründung der Jury, verfolge „das seltene Ziel, Würde dort herzustellen, wo die Verhältnisse keine Würde kennen“. Das seltene Ziel: Vielleicht ist die Befähigung zu dieser Ausnahmestellung Folge einer bewussten Abschottung. Einen Fernseher besitzt Seidl nicht („weil er mich entweder langweilt oder aggressiv macht“), die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verweigert er, und selbst auf den künstlerischen Austausch mit Kollegen will er verzichten. Gerne unterhalte er sich mit anderen Regisseuren wie dem jüngst mit einem Golden-Globe preisgekrönten Michael Haneke, sagt Seidl: „Über Gott und die Welt. Aber nicht über Filme.“

Künstlerische Anregungen von Regiekollegen? Nein Danke. Ein „einmaliger Typ“ ist so jemand zweifellos. Dass er ein interessanter obendrein ist, macht aus der mutigen Juryentscheidung eine gute.

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