„Pionierin der Moderne“: Die Kunsthalle Krems widmet Paula Modersohn-Becker eine Werkschau

Österreich-Premiere vor Wien

Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker von 1907.

Von Rainer BeßlingKREMS/BREMEN (Eig. Ber.) · Von ihrer Wien-Reise im Jahr 1897 schwärmte Paula Modersohn-Becker ausgiebig: „Aber Wien, Wien! Das hat mich ganz gefangen mit seinen schönen Bauten und seinem historischen Gesicht.“ Viele „herrliche Bilder“ habe sie in der Donau-Metropole gesehen, trug die Künstlerin in ihr Tagebuch ein.

Das Werk der Malerin allerdings, die allmählich auch international als eine der wichtigsten Repräsentantinnen der klassischen Moderne anerkannt wird, ist bislang in Österreich noch nicht angekommen. Das könnte sich mit einer Ausstellung ändern, die jetzt in der Kunsthalle Krems eröffnet wurde.

Das Medienecho war schon im Vorfeld groß, viele Zeitungen berichteten mindestens halbseitig, mehrere Fernsehsender brachten Beiträge. Das interessierte Fach- und Szene-Publikum vom 75 Kilometer entfernten Wien reiste zahlreich an, um 85 Gemälde sowie 60 Zeichnungen und Pastelle der „Pionierin der Moderne“ zu begutachten.

Bremens Kunsthallen-Direktor Wulf Herzogenrath zeigte sich von Engagement und Marketing des Teams im ländlichen Krems begeistert. Wolfgang Werner, Vorstand der Bremer Paula Modersohn-Becker-Stiftung, nahm neben durchweg positiver Resonanz auf die Präsentation ein auffallend junges Publikum wahr, jedenfalls „jünger als hier“, wenn Werke der immer noch vorwiegend mit Worpswede assoziierten Malerin zur Ausstellung kommen.

Mit „charmanter Hartnäckigkeit“ habe sich Hans-Peter Wipplinger, Direktor der Kunsthalle Krems, um die Ausstellung bemüht, sagt Werner, den der österreichische „Standard“ als „Wächter“ über Modersohn-Beckers Werk bezeichnet. 2004 hatte Wipplinger als Direktor des Museums Moderner Kunst Passau mit seinem Paula-Plan noch vergeblich in Bremen angeklopft.

Nun konnte er mit dem Verweis auf die österreichische Premiere punkten. Zudem ist der Zeitpunkt für die zweite große Retrospektive nach der Schau zum 90. Todestag der Malerin im Münchner Lenbachhaus 1997 günstig. Die Schließzeit der Bremer Kunsthalle und das Ausstellungsprogramm der Kunstsammlungen Böttcherstraße machen die Ausleihe wichtiger Werke derzeit gut möglich –  auch wenn der Transport der maltechnisch begründet besonders empfindlichen Bilder Paula Modersohn-Beckers immer besonderer Abwägung bedarf.

Doch auch für die um den Erhalt des OEuvres stets besorgte Stiftung und die Publizität des Modersohn-Beckerschen Schaffens kommt das Krems-Projekt nicht ungelegen. An den Bremisch-Hannoverschen Ausstellungsreigen zum 100. Todestag der Malerin 2007 hatte sich die Hoffnung einer US-Tournee des Werks geknüpft. Der Plan liegt derzeit ebenso wie ein England-Besuch auf Eis. Auch Verhandlungen mit französischen Museen sind in der Schwebe. Gut also, das Werk jetzt wieder in die Öffentlichkeit zu rücken, um den vor drei Jahren in Bremen formulierten Anspruch auf einen vordersten Platz der Malerin in der internationalen klassischen Moderne zu untermauern.

Auf der Kremser Vernissage waren die Repräsentanten der drei Bremer Paula Modersohn-Becker-Sammlungen vertreten. Rainer Stamm, Noch-Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, lieferte einen Essay zum Katalog, der das „Selbstporträt am 6. Hochzeitstag“ in den Mittelpunkt stellt, das schon in Stamms Paula Modersohn-Becker-Monographie eine besondere Würdigung und eingehende Analyse erfahren hat.

Auch die österreichische Presse nimmt den „ersten weiblichen Halbakt der Kunstgeschichte“ vielfach zum Aufhänger ihrer Berichte. Erst zum zweiten Mal habe das Selbstbildnis reisen dürfen und nach der Tate Gallery komme der Kunsthalle Krems nun die Ehre zu, „diese Ikone der Kunstgeschichte auszustellen“.

Vorbereitet in den Aktstudien, die Paula Modersohn-Becker an privaten Akademien betreiben konnte, wird die Selbstreflexion der Künstlerin, das Nachdenken über Frausein, Mutterschaft und Kreativität im Spiegel des eigenen Körpers zum zentralen Sujet. Die Hängung in Krems akzentuiert diesen thematischen Hauptstrang, hebt die Bildnisse über die Stillleben, wenn man die Rezensionen folgt, und gibt vor allem auch den Zeichnungen breiten Raum. Durch Leihgaben privater Sammler kommen einzelne neue Akzente hinzu.

Da aufgrund des Wechsels von Rainer Stamm nach Oldenburg ein Ausstellungsplan für die Böttcherstraße nicht verwirklicht werden kann, reist die Kremser Ausstellung nun auch nach Bremen. Von Mitte Juli bis September kommt die „Pionierin der Moderne“ dann österreichisch gewendet in das Haus, das ihren Namen trägt. Interessant wird auch, wie „eine der wichtigsten Vorreiterinnen der Moderne“ in der neuen Bremer Kunsthalle präsent sein wird. Günther Busch hatte ihr eigenen Raum gewidmet.

(Paula Modersohn-Becker in Krems bis 4. Juli)

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