Widerspruch ist zwecklos

Nutzungsbedingungen von Facebook kommen in Bremen auf die Bühne

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Mateng Pollkläsener (vorn), Damiaan Veens (v.l.), Ludmilla Euler und Lena Neckel singen juristischen Fließtext. 

Bremen - Von Rolf Stein. Die Idee klingt so bescheuert, dass ihre Realisierung beinahe notwendig entweder eine Katastrophe werden muss – oder ein Treffer: Die Nutzungsbedingungen des sozialen Netzwerks Facebook auf die Bühne zu bringen, und das auch noch als Musical.

Peer Gahmert und Tim Gerhards haben es jetzt getan, am Donnerstag feierte das Werk Premiere in der Spedition im alten Bremer Güterbahnhof. Ein bei Lichte betrachtet recht sinniger Schauplatz: Wo die alte, analoge Wirtschaft einst Güter umschlug, wird jetzt die digitale Ökonomie verhandelt, deren zentrale Ware Information ist.

Nutzungsbedingungen - Unlesbar

Und dass auch für sogenannte Digital Natives noch einiges an Neuland zu entdecken ist, ist eine Lektion, die wir aus diesem Abend mitnehmen können. Denn auch wenn weltweit rund zwei Milliarden Menschen per Mausklick angegeben haben, dass sie die Nutzungsbedingungen inklusive Daten- und Cookierichtlinie gelesen haben und zustimmen, dürften sich doch die allerwenigsten die Mühe gemacht haben, die umgerechnet gut 100 Seiten tatsächlich zur Kenntnis genommen zu haben, die den juristischen Rahmen des Facebook-Vergnügens bilden.

Das hat seine Gründe nicht allein in einer gewissen Bequemlichkeit. Die zweite Lehre aus diesem ungewöhnlichen Musical: Es geht in den Nutzungsbedingungen nicht einfach nur höchst juristisch zu. „Es ist sogar noch trockener und noch spröder, als Du es Dir gerade vorstellst“, formulierte Gahmert vorab in einem Interview. Dazu kommen ganze Absätze komplett in Großbuchstaben – „damit die Satzzeichen noch schwerer zu erkennen sind“, wie eine Figur im Musical vermutet. Unlesbar eigentlich.

Gehorsam oder Austritt aus der Community

Und warum bringt man nun ausgerechnet diesen Stoff als Musical? Eben drum, könnte man sagen. Die Fallhöhe könnte größer nicht sein. Und, so noch einmal Gahmert: „Musicals mag irgendwie jeder.“ Und irgendwie muss man ja die Leute dazu bringen, sich mit einem der bei aller Unlesbarkeit wirkmächtigsten Schriftstücke der jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die Brisanz des Textes arbeiten Gahmert und Gerhards auf höchst amüsante Manier heraus, wobei ihnen gelegentlich der didaktische Zeigefinger ausrutscht – was verzeihlich ist. Denn im Grunde ist die Umfänglichkeit des Textes beträchtlich und wenn schon nicht bösartig, dann doch recht gnadenlos im Sinne von Mark Zuckerbergs Geschäftsmodell.

Maliziös rezitiert Mateng Pollkläsener die Bestimmungen zum geistigen Eigentum und teilt feixend seine Freude darüber mit, dass Milliarden Menschen ihre Rechte ganz kostenlos abtreten. Der hinreißend unspektakuläre Auftritt einer Reporterin von „Bento“, dem betont jugendlichen Tochterportal des „Spiegel“, bei einer Pressekonferenz macht deutlich: Widerspruch ist zwecklos – die einzige Alternative ist der Austritt aus der Community.

„Poste, like, teile!“

Aber wie wird aus dieser Gemengelage nun ein Musical? Vordergründig zumindest ist das gar nicht so kompliziert: Philip Feldhusen, mit Gahmert auch bei dem Satire-Portal „Der Postillon“ aktiv, verarbeitete Passagen der Nutzungsbedingungen zu Songtexten, die wiederum Dan Eckert in eingängige Songs zwischen typischem Musical-Schwulst und Rap verpackte, garniert mit eingängigen Refrains der Sorte „Poste, like, teile!“

Und natürlich gehört zu einem klassischen Musical auch eine klassische Liebesgeschichte, die nach dramatischer Krise in ein Happy End mündet. Geradezu hinreißend, wie Gahmert und Gerhards hier mit Konventionen und Klischees spielen. Um nicht allzu viel zu verraten, sei hier nur angedeutet, dass der Text, der hier im Zentrum des Geschehens steht, nicht das Werk hochbezahlter und mit allen Wassern gewaschener Anwälte ist, sondern aus der Feder einer jungen Autorin stammt, die sechs Jahre lang daran getüftelt hat und zumindest anfangs überzeugt ist, einen Bestseller geschaffen zu haben. Beruflicher und privater Erfolg fallen glücklich zusammen, weil ein gewiefter Programmierer genau das braucht, was sie zu bieten hat: einen eingängigen Namen für ein soziales Netzwerk und einen Text, den niemand lesen kann.

Famos, virtuos naiv, ergreifend

Im kargen großen Saal der Spedition entsteht so tatsächlich tolles Theater, mit Witz, Botschaft und, doch, doch, Gefühl. Wozu neben einer von Gerhards gut einstudierten Tanztruppe die gelegentlich an ihre Grenzen geratenden Hauptakteure beitragen. Pollkläsener als Quasi-Zuckerberg erwähnten wir bereits, ihm zur Seite steht die famose, weil unsäglich zickige Ludmilla Euler als Autorin sowie als beider jeweils jugendliche Ausgaben Damiaan Veens und Lena Neckel, die Hoffnung und Fall samt Wiederauferstehung in virtuoser Naivität geradezu ergreifend performt.

Weitere Vorstellungen am Sonntag, 13. August, Mittwoch, 16. August, Donnerstag, 17. August und Freitag, 18. August, jeweils um 20 Uhr, Spedition, Güterbahnhof, Bremen.

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