The Notwist zeigen im Bremer Schlachthof, dass es manchmal lohnt, das Spiel nach eigenen Regeln zu spielen

Irrlichternde Free-Jazz-Teilchen

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Beständig und Interessant: The Notwist begeistern am Mittwoch im Schlachthof.

Bremen - Von Andreas Schnell. Es ist schon höchst bemerkenswert, wie beständig The Notwist, die einst das bayrische Dörfchen Weilheim auf die internationale Pop-Landkarte setzten, ihren Weg gehen. Gegründet vor ziemlich genau 25 Jahren, haben sie sich mit jedem neuen Album weiterentwickelt – von einem von Metal und Post Hardcore geprägten Gitarren-Sound hin zu einer komplexen Fusion von zeitgenössischer elektronischer Musik und eingängigen Pop-Songs. Sie sind dabei konsequent „indie“ geblieben, nehmen bis heute im gleichen Studio in der Nähe von Weilheim auf und pflegen ein ausgedehntes Netzwerk von Gleichgesinnten, mit denen sie immer wieder zu neuen musikalischen Ufern aufbrechen, wie zuletzt Notwist-Bassist mit seinem Jazz-Kollektiv Alien Ensemble. - Von Andreas Schnell.

Was in diesem erweiterten Zusammenhang erforscht wird, erscheint dann oft gut verdaut in der Musik des Mutterschiffs Notwist: Jazz, Elektronik, Dub fließen in die nach wie vor schlichten Songs ein, ohne dort wie Fremdkörper zu wirken. Eine Arbeitsweise, die dafür sorgt, dass zwischen Notwist-Alben stets mehrere Jahre liegen.

Dass sie dabei ihr altes Publikum auch heute noch zu begeistern wissen, ließ sich am Mittwoch an den Zuschauern ebenso ablesen wie ihre ungebrochene Aktualität: Ein nicht kleiner Teil der Zuschauer mag gerade auf die Welt gekommen sein, als The Notwist ihr erstes Album veröffentlichten.

Bevor The Notwist allerdings auf die Bühne in der annähernd ausverkauften Kesselhalle im Schlachthof kamen, gab es mit Joasihno die neuere Weilheim-Generation zu begutachten – wenn auch nicht streng geografisch betrachtet. Das Duo kommt zwar aus dem zwei Autostunden von Weilheim entfernten Eichstätt, veröffentlichte sein letztes Album aber auf dem Notwist-Label Alien Transistor und erweist sich auch musikalisch eng verwandt. Elektronische Beats treffen auf Gitarren, gelegentlich verfremdeter Gesang auf Glockenspiel, Melodika und Blockflöte. Ab und an verfallen sie der von Bands wie Mogwai und Godspeed You Black Emperor gepflegten Neigung zum dramatischen Schwellen. Dafür gab es mehr als nur wohlwollenden Beifall, der sich bei Notwist in Begeisterung verwandelte.

Mit einer Reihe von Songs ihres neuen Albums „Close To The Glass“ eröffnete die Gruppe ihren Auftritt, wobei vor allem der Titelsong verdeutlicht, wie sehr die Band um die Brüder Micha und Markus Acher sich hier neu erfunden hat: Über einem kantigen elektronischen Beat liegt die beinahe körperlose Stimme Markus Achers, allerdings immer wieder künstlich gebrochen, während in den Freiräumen Free-Jazz-Teilchen irrlichtern. Um diese komplexen Arrangements spielen zu können, war das Kern-Quartett – neben den Gebrüdern Acher, dem Elektroniker Martin Gretschmann (auch als Console bekannt) und Schlagzeuger Andi Haberl) noch um einen zweiten Gitarristen und einen Vibraphonisten erweitert.

Das Sextett spielte im Folgenden ein Programm, das außerdem zeigte, wie sehr die Musiker ihre Arbeit als Kontinuum verstehen: So griff die Band mitten in ihrem Set tief ins Repertoire und spielte sogar einige Songs ihrer Alben aus den frühen neunziger Jahren – mit einer Energie aufgeführt, als seien nicht zwanzig Jahre vergangen, seit Alben wie „Nook“ oder „12“ erschienen.

Für zwei Zugabenblöcke kam die Band wieder, in denen sie ihr dramaturgisch klug komponiertes Programm, begleitet von einer raffinierten Lichtregie, herunterdimmte.

Ein eindrucksvoller Auftritt einer der beständigsten und zugleich interessantesten Bands der gegenwärtigen Szene, die beweist, dass es sich durchaus lohnen kann, das Spiel nach eigenen Regeln zu spielen.

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