Neue Bilder und Klänge bei den „KunstFestSpielen“ in den Herrenhäuser Gärten von Hannover

Noten aus der Partitur geschüttelt

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Erklärtermaßen wollte die neue Intendantin Elisabeth Schweeger frischen Wind in die angegrauten „Festwochen Herrenhausen“ bringen – und so mutet die in „KunstFestSpiele“ umgetaufte Reihe nun auch an.

So etwas wie „Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels haben die traditionsreichen Barockgärten wohl noch nicht erlebt. Klaviere mit entblößten Saiten hängen über der Bühne der Orangerie, dazwischen kahle Äste. Lichter erstrahlen, Rauch steigt auf. Klänge erfüllen den Raum: Mal legen die Klaviere plötzlich los wie von Geisterhand bedient, mal erwachen allerlei Perkussionsgegenstände zum Leben, mal gibt’s Spracheinspielungen.

Abgesehen von zwei Stagehands, die aber auch nur äußerst sparsam in Erscheinung treten, ist die Bühne menschenleer – hier haben tatsächlich die „Dinge“ die Macht. Aus gutem Grund weist der Titel auf Adalbert Stifter (1805-1868) hin, dessen Dichtung vorwiegend von Naturbeschreibungen geprägt ist und die Figurenzeichnung vernachlässigt.

Zeilen aus seiner suggestiven „Eisgeschichte“ sind ebenso zu hören wie menschenfeindliche Aussagen des Ethnologen Claude Lévi-Strauss oder Wechselgesänge kolumbianischer Indianer. Projektionen sorgen für unterschiedliche Stimmungen, und in den Becken im Bühnenboden blubbert’s nachher, als seien lauter Mini-Geysire zugange. Über weite Strecken erzeugt diese multimediale Mechanik eine interessante Atmosphäre mit durchaus sehr musikalischen Strukturen und einer rhythmischen Dramaturgie.

Genau daran mangelt es einige Tage später bei „chroma“ von Rebecca Saunders. Trotz eines fraglos beeindruckenden Settings: Das Galeriegebäude ist leergeräumt, die Besucher sollen hier wandeln, zwischen den Instrumentalisten, die überall im Raum verteilt sind und sich früher oder später ihrerseits auf den Weg machen können. Hier steht ein Schlagzeug, in der Nähe ein Klavier, auf der Empore darüber sind Streicher oder auch ein E-Gitarrist zugange. In der Mitte des Raums sind Dutzende von Spieluhren versammelt, die zu einem festgelegten Zeitpunkt von Helferhänden in Betrieb gesetzt werden. Der Klangapparat erweitert sich irgendwann, denn nach Öffnung der Türen zum Großen Garten können die Besucher an die frische Luft treten, wo weitere Musiker auf sie warten. Es gehört zum Konzept von „chroma“, dass Rebecca Saunders die Aufführung an die jeweiligen Örtlichkeiten anpasst.

Nur kann leider die Komposition nicht recht mit diesem spannenden Konzept mithalten, sondern bestätigt eher die Vorurteile, die über Neue Musik im Umlauf sind. Über weite Strecken klingt das schlichtweg beliebig, entwickelt keinen nachvollziehbaren Fluss. Auch das engagiert agierende Kölner Ensemble „musikFabrik“ kann nicht verhindern, dass der Abend wirkt wie John Cage für Arme – dieser Pionier der Avantgarde hat allerdings solche Ansätze nicht nur wesentlich früher verfolgt, sondern auch charmanter.

Tags darauf, nun ist wieder die Orangerie der Tatort, zeigt Bassklarinettist Michael Riessler mit dem Ensemble Modern, was er so drauf hat. Womit schon ein Nachteil des Abends genannt wäre, denn wahrhaft Neues bringt Riessler bei der Uraufführung von „Mirages“ nicht zu Gehör. Das ist aber zu verschmerzen, da man die treibenden bis mitreißenden Kompositionen ebenso immer wieder gern erlebt wie Riesslers obligatorisches Zirkularatmungs-Solo.

Zudem liegt das Besondere des Abends ja ohnehin eher im Visuellen. Mischa Kuball hat ein „Lichtdesign“ entworfen, das sich in zwei Discokugeln mit Buchstaben-Projektionen manifestiert und auf Dauer ziemlich penetrant wird. Und der Magier Abdul Alafrez studierte mit den Musikern ein paar Kunststückchen ein: Hier scheint Pianist Ueli Wiget geräuschvoll die Noten aus seiner anschließend reinweißen Partitur zu schütteln, dort beginnt ein Streichertrio über den Stühlen zu schweben – und irgendeine Mechanik gibt dazu knarzende Geräusche von sich.

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