In Hannover begibt sich Regisseurin Heike Marianne Götze auf die Suche nach einem Klassiker

Wie war das noch mit „Romeo und Julia“?

Nah am Wasser gebaut: Julia (Veronika Avraham) in einer Tragödie, die von Shakespeare sein will.

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · William Shakespeares „Romeo und Julia“: Ist das nicht das Stück, in dem eine Liebe an der Feindschaft zwischen zwei Familien scheitert?

Oder doch eher das, in dem eine Bande von Verhaltensauffälligen in einer Wasserlandschaft herumplanscht? Regisseurin Heike Marianne Götze hat sich für die letztgenannte Lesart entschieden. Und damit dem hannoverschen Staatsschauspiel einen misslungenen Saisonauftakt beschert.

Soll man es als Zeichen verstehen, dass gerade die Eröffnungspremiere im Schauspielhaus an eine Regisseurin vergeben wurde, die schon in der vergangenen Saison auf zwiespältige Art für Aufsehen gesorgt hat? Damals inszenierte Götze im Ballhof für das Jugendtheater „Boys Don’t Cry“ als ein sehr lautstarkes Spektakel mit ausführlichen Nacktszenen und bewies schon in diesem Zusammenhang eine Vorliebe für viel Flüssiges auf der Bühne. Bei „Romeo und Julia“ ist es zwar kein Kunstblut mehr, sondern Wasser, doch rückt die Sinnfrage dadurch eher noch stärker in den Vordergrund.

Überhaupt bleiben die Motive der Regisseurin oft unklar. Hat sie das Stück ernst genommen? Manches spricht dagegen. Im Zweifelsfall kann man im Theater zwar stets Samuel Becketts Ausspruch „Nichts ist komischer als das Unglück“ bemühen, doch sollte eine Tragödie letztlich eine solche bleiben. Dafür ist die Inszenierung indes einerseits zu diffus und andererseits zu veralbert.

Streckenweise ist sie auch lustig, sehr lustig sogar. Das liegt an herausragenden Schauspielerleistungen: Vor allem Oscar Olivo glänzt, wenn er als übelst verhuschter Bruder Lorenzo ständig den Faden zu verlieren droht. Auch Esther-Maria Barth wirkt in der Rolle der leicht überdrehten Amme sehr amüsant. Identifizieren kann man sich mit diesen beiden Figuren allerdings genau so wenig wie mit allen anderen. Schon gar nicht mit Julia und Romeo: Ihre Unbedarftheit hat keinerlei Charme, bei ihm ist schon die Körpersprache schwer gestört, und beides liegt wohl kaum an der Darstellungskunst von Veronika Avraham (die man allerdings streckenweise akustisch nicht versteht) und Daniel Nerlich, sondern eher an den Vorgaben der Regisseurin.

Die scheint bei der Ausarbeitung der jeweiligen Abschnitte irgendwann das große Ganze aus dem Blickfeld verloren zu haben. Schöne Einzelmomente hat die Inszenierung auch jenseits der genannten heiteren Passagen durchaus. Die Fechtkämpfe machen eine ganze Menge her, und auch die Sprache (in der Übersetzung von Thomas Brasch) kann zumindest punktuell ihren Reiz entfalten.

Unter dem Strich ist das allerdings deutlich zu wenig, um mitreißen, geschweige denn begeistern zu können. Das Publikum verteilt seine Gunst eindeutig: viel Applaus für die Darstellerriege, kräftige Buhs für die Regisseurin.

Die nächsten Vorstellungen sind am 14., 18. und 19. September, jeweils um 19.30 Uhr.

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