Ist das noch Punk?

Erhellender als ein Uni-Seminar: Die Uraufführung der „Chaostage“ in Hannover

Scharmützel und echte Anarchie: Auch wenn sich der Premieren-Abend nie wiederholen wird, lohnt ein Besuch der „Chaostage“. - Foto: Katrin Ribbe
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Scharmützel und echte Anarchie: Auch wenn sich der Premieren-Abend nie wiederholen wird, lohnt ein Besuch der „Chaostage“.

Hannover - Von Jörg Worat. Ach, wenn doch jedes Scheitern eines Theaterabends so interessant verliefe wie die Uraufführung von „Chaostage – Der Ausverkauf geht weiter“! In der Cumberland-Raumbühne spielten sich geniale Szenen ab, leider muss das Publikum bei den kommenden Aufführungen auf die genialsten verzichten.

Doch der Reihe nach. Regisseurin Ulrike Günther hat für das Staatsschauspiel zum zweiten Mal ein „Recherche-Projekt“ an den Start gebracht – das erste hieß „Bis hierher lief‘s noch ganz gut“ und handelte von Hannovers Problemvierteln, nun bildeten die hiesigen Chaostage den Ausgangspunkt. Jene Tage, die in den 80er- und 90er-Jahren heftige Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizisten mit sich brachten.

Günther hat Punks von damals und heute interviewt, das Themenspektrum aber weiter gefasst – es geht auch in anderer Hinsicht um Selbstbestimmung, um Ausbruch aus den Normen. Nichtsdestotrotz wird das Publikum mit brachialem Schlagzeugdonner begrüßt: Während man sich einen Platz auf einer der Tribünen um die dreieckige Bühne sucht, brettert Tim Golla drauflos, was das Zeug hält. Dankenswerterweise sind sofort hilfreiche Hände mit dem Verteilen von Ohrenstöpseln beschäftigt – Golla wird in der Folge zwar durchaus einen gewissen Variationsreichtum an den Tag legen, laut bleibt er allerdings fast durchweg.

Ironische Brechungen? Warum nicht. Jedenfalls eliminiert sich gleich zu Beginn Maximilian Grünewalds lapidare Behauptung, er und die anderen Akteure seien Punks, durch die Intonation umgehend selbst. Auch im weiteren Verlauf sorgt gerade Grünewald für schöne Störfeuer, wenn er etwa zum unpassendsten Zeitpunkt eine Staatsschauspiel-Aktion namens „Zypressen für Nicaragua“ anpreist oder sich bemüßigt fühlt, den Aufgabenbereich einer Souffleuse zu erläutern.

Einzelne Biografien vorgestellt

Und dann gibt es die Biografien. Wieder Grünewald erzählt von den ewig zugedröhnten Teenagern in Coburg, Anke Stedingk zeigt das Dilemma der ungeliebten Jugendlichen, die weder „Ballett-Mädchen“ noch „Pferde-Mädchen“ ist.

Wolf List, 62 Jahre alt, schildert, wie die Initiative Einzelner weitreichende Folgen haben kann: So verhinderte der russische Oberst Stanislaw Petrow 1983 höchstwahrscheinlich den Dritten Weltkrieg, als er einen vermeintlichen Raketenangriff der USA zu Recht als Fehlalarm einstufte. Zwischen alledem wird viel geraucht, getrunken und Liedgut wie „Sich fügen heißt lügen“ angestimmt.

Berichtet wird auch von Karl Nagel, einer zentralen Figur im Zusammenhang mit den Chaostagen und der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands. Nun ist eben dieser Karl Nagel bei der Premiere als Berichterstatter für den Deutschlandfunk persönlich anwesend, und Janko Kahles Versuche, ihn ins Geschehen zu integrieren, stoßen auf Granit. 

Schon zuvor hatte Nagel mehr als einmal sein Gesicht kummervoll in den Händen vergraben, nun lässt er den Schauspieler wissen, dass die Theaterszenen mit Punk ja nun mal gar nichts zu tun hätten und er nicht daran dächte, an dieser Stelle irgendetwas zu etwaigen Hintergründen beizusteuern. Kahle wird angegrabscht, verwahrt sich dagegen. Später flammt das Scharmützel noch einmal auf, und in manchen Momenten ist der Dialog in Hinblick auf das „So tun, als ob“ im Theater erhellender als ein komplettes Uni-Seminar.

Durch all das ist so etwas wie echte Anarchie eingekehrt. Die Inszenierung bekommt einige Schräglage, die eingangs erwähnte Souffleuse hat mehr zu tun als allgemein üblich. Und mit der Verlesung einer – übrigens höflich formulierten – Mail, in der Karl Nagel im Vorfeld eine Mitarbeit abgelehnt hatte, endet ein Abend, der in dieser Form nie wiederkehren wird.

Weitere Termine: 19. und 28. Dezember sowie am 12. Januar, jeweils um 20 Uhr, Staatsschauspiel Hannover.

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