Noch eine Sammlungsreihe: „Künstlerräume 02“ in der Weserburg

Die fetten Jahre sind vorbei

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Eine Armee aus Erkennungsmarken: Almut Linde beleuchtet in „Dirty Minimal #62.4 — 1347 Lives, 2011“ das anonyme Sterben deutscher Soldaten auf den Schlachtfeldern dieser Welt.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Nach wie vor ist die Zukunft der Weserburg ungewiss, gibt es Pläne, das Museum für Gegenwartskunst mit der Bremer Kunsthalle zusammenzulegen.

Grund genug für das Haus an der Weser, mit einer weiteren Ausstellung erneut seine Stärken zu betonen. „Künstlerräume 02“ ist der Titel der Schau, die Museums-Chef Peter Friese auch als Fingerzeig in Richtung Kultursenator verstanden wissen will. „Es ist eine Ausstellung, die noch einmal unsere Leistungsfähigkeit, besonders auf internationalem Niveau, betont“, sagte Friese gestern Vormittag. Und die zudem den Fokus auf den speziellen Auftrag des Hauses legt, Gegenwartskunst aus Privatbesitz zu zeigen.

In 15 Räumen verteilen sich die Werke von 15 Künstlern, die aus Privatsammlungen oder dem Besitz der Weserburg stammen. Auf den ersten Blick eine Zusammenstellung, in der jeder Künstler für sich allein steht und sich kein Bezug zwischen den einzelnen Räumen aufzeigt. Allerdings lässt sich beim genaueren Hinschauen zwischen den einzelnen Werken doch zumindest eine Art Lernprozess ausmachen, so beispielsweise bei Alicja Kwade. „Under Different Conditions (Parallel World)“ aus der Sammlung Sohst-Brennenstuhl ist eine Stahlplatte, zerschmettert liegt sie auf dem Boden und erinnert in diesem Moment doch mehr an einen Spiegel, den jemand zu Boden geworfen hat. Was eigentlich tonnenschwer ist, wirkt leicht und filigran, die Stofflichkeit verändert sich und eröffnet so den Blick in eine Art Parallelwelt. In der Spiegel auch nicht einfach nur zu Bruch gehen, wie ein grauer Haufen in einer Ecke des Raumes verrät. Unscheinbar liegt er da, nur ein verräterisches Glitzern deutet darauf hin, dass hier mehr zu finden ist als nur Sand. Der Berg besteht nämlich aus unzähligen Glasscherben, Überreste etlicher Spiegel, die in Kwades Atelier zu Bruch gegangen sind – und nun mit den Zuschreibungen des Betrachters spielen. Mag dieser Haufen für die meisten nur Abfall sein, ist er zugleich auch ein Schatz, den es zu bergen gilt.

Hinter den Glassplittern verbirgt sich dann auch ein Bezug zu einem anderen Künstlerraum. Ist Glas als Material doch von zentraler Bedeutung für die Werke der „Arte Povera“. So nutzen die Künstler der Bewegung gewöhnliche, „arme“ Materialien, wie Glas, Holz oder Bindfäden. Ein Vertreter der „Arte Povera“ ist auch Guiseppe Penone, von dem mehrere Stücke im Labyrinth der Räume zu sehen sind. Sie alle befinden sich im Besitz vom Bremer Sammler Volker Schmidt, der in dieser Ausstellung zum ersten Mal mit der Weserburg kooperiert – und dies, wenn es nach Peter Friese geht, auch langfristig tun soll. Weil eben genau diese Zusammenarbeit mit unterschiedlichen und renommierten Sammlern vielleicht entscheidend für das Überleben der Weserburg sein könnte.

Auch gesellschaftskritische Künstler haben Einzug in die Räume erhalten. Darunter William Kentridge, dessen Arbeit „Tide Table“ zur Sammlung Goetz gehört. Für den Film hat der Südafrikaner ungefähr 60 Kohlezeichnungen geschaffen, diese abgefilmt, überarbeitet und wieder abgefilmt. Dabei herausgekommen ist ein siebenminütiger Streifen, der auf die Probleme seiner Heimat Bezug nimmt. So brechen sich Wellen des Meeres an einfachen Holzkarren, die in der Brandung stehen, sich in Tote und wieder zurück verwandeln. Ein Bild, dass sicher einen Verweis auf die Apartheid in sich trägt. Es hat aber auch erschreckende Parallelen zur aktuellen Berichterstattung über die Ebola-Epidemie hat. Wo so viele Menschen sterben, dass ein würdiger Abtransport der Toten eines der unwichtigsten Probleme ist und die Überlebenden einfach zur Karre greifen. Not, oder besser gesagt Hunger, thematisiert Kentridge bereits mit dem nächsten Wellenschlag. Nun sieht man Kühe, dick und gut im Futter stehen sie unbeteiligt auf einer Wiese herum. Doch nur eine Sequenz weiter sind die fetten Jahre auch schon wieder vorbei, vom wohlgenährten Vierbeiner ist nur noch ein Gerippe übrig. Es ist nicht schwierig, hier die Parallele zu hungernden Menschen und Berichten über Dürren zu ziehen. Die zwar nicht nur in Afrika passieren, hier aber wohl gemeint sind. Verarbeitet Kentridge in seinen Filmen doch oftmals Erinnerungen und Erfahrungen auf eindrucks- und machtvolle Weise.

Die Macht des Werkes ist es auch, was die „Künstlerräume 02“ auszeichnet. In denen Arbeiten zu sehen sind, die keine Einführung benötigen, sich aus sich selbst heraus erschließen und als eine Einheit funktionieren – auch wenn ihr übergeordnetes Thema eigentlich nur eins sein kann: Rettet die Weserburg.

„Künstlerräume 02“, 5. Dezember bis 31. Mai, Weserburg.

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