Ist das noch Distanz, oder schon Konzept? „Eine nicht umerziehbare Frau“ in Oldenburg

Stockende Textmaschine

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Vor den Schrecken der Gegenwart gibt es kein Entrinnen, erst recht nicht auf dem Schlachtfeld.

Oldenburg - Von Andreas Schnell. Der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006, ausgerechnet am Geburtstag Wladimir Putins, sorgte international für Furore, vor allem im Westen, wo der Fall als symptomatisch für den postsowjetischen russischen Staat gedeutet wurde, der – so der kaum zu überlesende Subtext – so postsowjetisch dann doch nicht ist. - Von Andreas Schnell.

In Russland kursierten eher Theorien, die die Mörder auf tschetschenischer Seite vermuteten. Womit gleichsam die Stühle bereitstehen, zwischen denen Politkowskaja saß, die als eine von wenigen, wenn nicht als einzige Stimme aus dem Krieg zwischen Russland und Tschetschenien berichtete, ohne sich von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Der italienische Dramatiker Stefano Massini, von der Courage der Journalistin beeindruckt, widmete ihr „Eine nicht umerziehbare Frau“.

Felicitas Braun hat Massinis Würdigung Politkowskajas nun in deutschsprachiger Erstaufführung für das Oldenburger Staatstheater in der Exerzierhalle eingerichtet, wo Caroline Nagel, Diana Ebert und die Musikerin Solène Garnier vor, auf und hinter einem rohen Verhau aus Paletten für Massinis Textcollage zuständig sind. Die erzählt in Politkowskajas eigenen Worten, genauer: anhand von oft schlaglichtartig verdichteten Auszügen aus Reportagen, Interviews, Tagebucheinträgen und derlei mehr, die Geschichte der Journalistin.

Was dabei vielleicht naheläge, vermeidet Braun konsequent: gefühlige Identifikationsangebote, Kitsch, Betroffenheitsgesten, dröhnendes Pathos. Auch wenn es gegen Ende durchaus laut wird. Es dauert allerdings bis dahin eine ganze Weile, in der in verschiedenen Konstellationen der Text mehr referiert wird, wobei nicht klar zu erkennen ist, wieviel von dieser Distanz Konzept und inwieweit es eher die durchaus zu wünschen lassende Einstudierung mit etlichen Verhasplern ist, die die Intensität des Bühnengeschehens mindert.

Dabei sind die Geschehnisse, von denen Politkowskaja erzählt, die Gräueltaten im Tschetschenienkrieg auf beiden Seiten, aber auch die Konsequenzen für das Leben der zweifachen Mutter noch in dieser distanzierten Form durchaus schwerer Stoff. Er lässt oft den Atem stocken, bevor die Spannung sich in lauthalsem Tanz und Lauferei entlädt – nicht befreiend allerdings, sondern eher wahnhaft. Die Verhältnisse, sie sind ja auch kaum auszuhalten.

Die anfängliche Sprödigkeit weicht im Verlauf des Abends. In die sparsam ausgeleuchtete Tristesse setzt es gar einen wunderschönen Moment, als Caroline Nagel inmitten herabfallender weißer Federn trügerisch sentimentale Kindheitserinnerungen reminisziert, von Tante Wera, die zu Sowjetzeiten einem Huhn die Federkiele über der Flamme des Gasherds abfackelt und dabei auch das Fleisch schon angart – wobei ein Geruch entsteht, den die erwachsene Anna auf den tschetschenischen Schlachtfeldern wieder in der Nase hat.

Ein Entrinnen vor den Schrecken der Gegenwart gibt es nicht. Schlimmer noch: Politkowskaja macht sich mitschuldig. Die Veröffentlichung eines Interviews führt zur Hinrichtung ihrer Gesprächspartner, ihr Streben nach Wahrheit schafft Wirklichkeit, ihre Versuche, im Moskauer Geiseldrama zu vermitteln, scheitern – und die Textmaschine gerät ins Stocken. Sätze legen sich in Schleifen, die inneren Widersprüche drängen unwirsch hinaus, Garnier lässt dazu ein schroffes Gitarren-Riff repetieren, schlägt martialische Beats auf dem Schlagzeug, während Nagel und Ebert mit regelrechtem Punk-Furor wüten. Zum Ende findet die Inszenierung wieder zu einem nüchterneren Duktus zurück, die bösen Vorahnungen, das Attentat und ihr Tod sind das Ende des Irrsinns.

Klar ist: So richtig wohlfühlen soll man sich hier nicht. Was in Ordnung ist. Allerdings bleibt das Konzept dieser Inszenierung darüber hinaus eher unklar. Was natürlich schon deutlich weniger in Ordnung ist.

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 22. und 25. November jeweils um 20 Uhr in der Exerzierhalle Oldenburg.

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