Nis-Momme Stockmann hat ein Stück über Fritz Haarmann geschrieben

„Es war das Absurdeste, was mir eingefallen ist“

Nis-Momme Stockmann
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Nis-Momme Stockmann

Hannover - Von Jörg Worat. Eine sehr spezielle Uraufführung zeigt das Staatsschauspiel in Hannover am 17. Februar: ein Musical über Fritz Haarmann. Darf man das?

Vor allem in Hannover, wo der 1925 hingerichtete Serienmörder mindestens 24 junge Männer auf bestialische Weise umgebracht hat? Hier gab es ja schon heftige Diskussionen, als Haarmann regelmäßig auf einem hannoverschen Adventskalender auftauchte oder sein Konterfei auf einer Fahne im Fußballstadion erschien. Der Berliner Autor Nis-Momme Stockmann (34), derzeit unter anderem auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse, hat sich der Aufgabe gleichwohl gestellt.

Herr Stockmann, Sie sind auf der Insel Föhr aufgewachsen. Haben Sie dort schon die Geschichte von Fritz Haarmann kennengelernt?

Nis-Momme Stockmann: Ja, ich kannte als Kind die Geschichte und das Lied. In dem ist übrigens ein Fehler bei der Hausnummer: Er wohnte nicht Rote Reihe 2, sondern 8 – das hat man wohl wegen des Reims auf „umgebracht“ genommen. Haarmann ist jedenfalls offenbar eine Geschichte, die überall in Deutschland Verbreitung gefunden hat.

Nun gibt es in Hannover ja diesbezüglich einige besonders ausgeprägte Empfindlichkeiten. Wie kam es denn zu der Idee, ausgerechnet ein Haarmann-Musical zu machen?

Stockmann: Ich hatte ein Gespräch mit Intendant Lars-Ole Walburg über mögliche Projekte, und er wollte gern eine hannoversche Thematik behandeln. Da habe ich dieses Musical ins Spiel gebracht, meinte es allerdings zunächst überhaupt nicht ernst. Es war das Absurdeste, was mir in dem Moment eingefallen ist. Erst später entwickelte sich daraus ein echter Ansatz.

Nun scheint Ihr Stück allerdings alles andere als eine Nacherzählung der Geschichte zu sein.

Stockmann: Nein, überhaupt nicht. Es lief bald auf einen Text über das Scheitern hinaus, ein Stück über Fritz Haarmann zu schreiben. Das hat aber auch nicht funktioniert. Nun ist es ein Text über das Scheitern am Scheitern geworden, ein Stück über Fritz Haarmann zu schreiben.

Ihr Hauptinteresse gilt offenbar eher den Umständen, unter denen der Serienmörder tätig werden konnte.

Stockmann: Es war ja nicht so, dass niemand etwas geahnt hätte. Die Polizei hat Haarmann als Spitzel benutzt – er gründete zusammen mit einem ehemaligen Kommissar das „Amerikanische Detektivinstitut Lasso“, nach dem das Stück benannt ist. Und dann gab es die vielen Menschen, denen er etwas verkauft hat. Man profitierte also überall von ihm und wollte gar nicht so genau wissen, ob an dem Verdacht, da gehe es nicht mit rechten Dingen zu, etwas dran war. Vor allem sehe ich große Parallelen zur heutigen Gesellschaft: Im Mittelpunkt steht, was dem eigenen Interesse dient.

Ein Textauszug liegt bereits vor. Darin werden keine Hackebeilchen geschwungen, sondern ein Akteur lässt sich sehr ausführlich über Kapitalismus, Kunst und Rassismus aus, auch über den eigenen.

Stockmann: Ich glaube, dass es keinen Sinn ergibt, im Theater ein Stück zu zeigen, in dem das Schlechte am Rassismus deutlich gemacht wird. Dann gehen alle in dem Bewusstsein nach Hause, sie hätten etwas ganz und gar Abwegiges erlebt, das mit der eigenen Person nicht das Geringste zu tun hat. Wichtig ist doch gerade, sich selbst zu überprüfen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich in meinem persönlichen Umfeld in erster Linie das Fremde wahrnehme und betone – da geht es ja eigentlich schon los. Auch das Haarmann-Stück soll die Besucher eher zu Reflexionen über ihre eigenen Einstellungen anregen.

Wie hat man sich denn die Songs vorzustellen, die von „Les Trucs“ vertont werden? Der Begriff „Musical“ kann ja in diesem Zusammenhang schnell zynisch wirken.

Stockmann: Es soll schon schwungvolle Musik sein, die dem Genre gerecht wird. Aber ich glaube, die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschreiten wir nie.

Wenn Sie keine historische Moritat schreiben wollen und mehr am gesellschaftlichen Umfeld interessiert sind: Gibt es bei Ihnen überhaupt eine Figur namens Haarmann?

Stockmann: Die gibt es, und er will immer etwas sagen oder singen. Aber man lässt ihn nicht, weil die anderen Figuren ihre Ansicht über ihn viel wichtiger finden. Unter diesen Figuren ist ein Hotelportier, aber auch ein Regisseur und ein Dramaturg. Und ein Autor.

Uraufführung am Mittwoch,

17. Februar, 19.30 Uhr,

Schauspielhaus Hannover

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