Paavo Järvis erste Liebe: Schumann-Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen

Nimm sie hin denn, diese Lieder

„Spontan, widersprüchlich, abrupt und schizophren“: Paavo Järvi würdigt Robert Schumann.

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · „Wohin mit der ‚Rheinischen‘, so lange sie uns rätselhaft isoliert als eine Insel strahlender ‚Gesundheit‘ in einem Meer von Resignation und ‚Krankheit‘ schwimmt?“ schrieb der Musikwissenschaftler Peter Gülke in einer Arbeit über die dritte Sinfonie von Robert Schumann, die sogenannte enorm strahlende „Rheinische“ mit ihren ohrwurmartigen Themen.

Man überlegt sich derartige Aspekte neu, wenn nach neuester Forschung der Komponist keineswegs dem Wahnsinn verfallen war. Und man überlegt sich auch anderes neu, wenn jetzt Schumann von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen genauso anhaltend geballt auf uns zukommt wie einst Beethoven, mit dem es ja noch immer nicht zu Ende ist und auch nicht zu Ende sein sollte.

Indem man die Sinfonien von Schumann nun immer wieder hören wird – in der vergangenen Saison wurden schon alle gespielt und sie werden es weiterhin –, kann man sich anders und tiefer mit ihnen auseinandersetzen: Nun als Projekt des Musikfestes Bremen, an dem auch eingangs die Ouvertüre zu „Manfred“ erklang. Und die Qualität der Interpretation ist allemal eine Gefühls- und Denkanregung ohnegleichen.

Sie ist geprägt von Paavo Järvis ganz persönlichem Verhältnis zu Robert Schumann, den er, wie er in einem Interview einmal sagte, als ersten Komponisten „wirklich geliebt“ habe. Järvi hebt das „Spontane, das Widersprüchliche, das Abrupte, das Schizophrene“ (so seine Worte) heraus und setzt Schumanns Werk damit entschieden ab vom Klangfluss Richard Wagners oder auch von der strukturellen Logik Johannes Brahms‘.

Das Orchester folgt – nichts Neues – bestens und in jedem Augenblick mitreißend. „Das Obsessive“ möchte man inbezug auf den letzten Satz der zweiten C-Dur-Sinfonie noch hinzusetzen, wenn das Beethoven-Zitat „Nimm sie hin denn diese Lieder“ einfach nicht aufhören will: eine (verzweifelte?) Ovation an Clara. Eine vollkommen andere Sprache jedenfalls als das große Glück aus dem Jahr 1841 mit der „Frühlings-Sinfonie, die tags zuvor erklang. Ein anderes Glück aber als das der 1851 entstandenen „Rheinischen“, mit der Schumann zum letzten Mal in seinem Leben in Düsseldorf einen neuen Anfang wagen wollte. Ein Miniproblem schlich sich ein: Järvi übt manchmal so viel Druck aus, dass er von diesen Dauerforcierungen schwer wieder runter kommt. Kontraste verschwinden dann, und der neuerliche Aufschwung kann nicht mehr richtig aufgebaut werden. Doch dies ist nicht viel mehr als eine Tendenz. Das Pubikum jubelte zu Recht, und wir freuen uns schon auf weiterhin Schumann in der nächsten Saison.

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