Serie: Die neunte Kunst „Lincoln“, Cowboy und Nihilist

Mit Nietzsche, Colt und schlechter Laune

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Lincoln ist Cowboy und ein schlechter Mensch. Das sagt er sogar selbst, wobei es auch wirklich zwecklos wäre, da irgendwas schönzureden. Einem Bettler schleudert er einen abgenagten Knochen an den Kopf, den hilfsbereiten Priester raubt er aus - und als Kopfgeldjäger liefert Lincoln rasch irgendeinen eigenhändig rasierten mexikanischen Bauern ab, weil die auch der Sheriff nicht auseinanderhalten kann.

Lincoln ist sogar so schlecht, dass selbst Gott es nicht glauben kann und die Probe aufs Exempel macht: Der Allmächtige schenkt Lincoln Unsterblichkeit und 5 000 Dollar, darauf setzend, dass zum Ende noch ein glücklicherer, besserer Mensch aus ihm wird. Gerade ist der zweite Band von „Lincoln“ auf Deutsch erschienen. In Frankreich läuft die Serie bereits seit Jahren höchst erfolgreich, wohl weil sie neben der philosophischen Charakterstudie des verkommenen Cowboys auch als Western hervorragend funktioniert. Da sind endlose Landschaften in satten Farben und seitenlange Schießereien, die sich mit vom Kino inspirierten Großaufnahmen finster dreinblickender Gesichter abwechseln.

Mehr noch als die Worte geben diese stillen Bilder Einblicke in die Psyche des einsamen Antihelden, dieser auch optisch bewusst als „Unlucky Luke“ entworfenen Figur. Mögen kann man ihn nicht - von ihm ablassen aber noch viel weniger.

Gott fragt Lincoln irgendwann, ob er denn in die Hölle wolle. Will er nicht: „Ich bin Nihilist, nicht Masochist.“ Diese kleine Sprechblase zeigt bereits die ganze epische Breite dieses inneren Konflikts, aus dem die (sehr spannenden) Ereignisse drumherum immer neue Abgründe herauskitzeln.

Nachdem der erste Band die Figur so lustig wie präzise in Szene gesetzt hat, tauchen im zweiten Band nun komplexere Probleme auf: Lincolns selbstverständlich unfreiwillige Heldentaten haben ihm eine kleine Gefolgschaft gutherziger Junghelden eingebracht, die Diskriminierung der amerikanischen Ureinwohner wird Thema - und zu allem Überfluss mischt sich neben Lincolns stoischem Wegbegleiter Gott auch noch der Teufel ein. Es ist schon erstaunlich, wie leichthändig die Jouvrays (die Brüder Olivier und Jérôme mit dessen Ehefrau Anne-Claire) ihren dicht konstruierten Mix aus Nietzscheanischer Moralphilosophie und klassischem Westerncomic in Bewegung halten: wie elegant sie immer wieder kurze Gags in diese übergroße, todernste Erzählung einfügen.

Es ist kein Vergnügen am Bösen, das einen durch die Reihe führt, sondern im Gegenteil die zutiefst humanistische Hoffnung, dass Lincoln die Kurve irgendwie doch noch kriegt. Auch wenn das gerne ein paar hundert Seiten dauern darf.

Zum Weiterlesen:

Lincoln 1 und 2: Jérôme und Anne-Claire Jouvray (Zeichnung) und Olivier Jouvray (Szenario), Schreiber und Leser, je 48 Seiten, 14,95 Euro.

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