Für Roger Vontobel scheitert die Liebe zwischen Penthesilea und Achill an der Öffentlichkeit / Kleist-Premiere in Hamburg

Was niemanden zu interessieren hat

Königin Penthesilea (Jana Schulz).

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Zwei gute Ratschläge. Der erste: Gehen Sie da rein. Der zweite: Reservieren Sie sich einen Platz auf der Bühne.

Bei der Premiere von Kleists „Penthesilea“ dürfen sich dort die Vertreter der Presse niederlassen, was einerseits ein hochgradig unmittelbares Schauspielerlebnis ermöglicht, andererseits szenisch begründet ist. Den Kampf der Geschlechter versteht Regisseur Roger Vontobel nämlich als zutiefst öffentliche Angelegenheit. Öffentlichkeit ist die Keimzelle des Konflikts, an Öffentlichkeit scheitert auch seine Lösung: Derart penetrant schiebt sich das Öffentliche ins Geschehen, dass man sich als berufsmäßiger Öffentlichkeitsproduzent mitten auf der Bühne schon bald wie ein Voyeur vorkommt.

Feierlich gekleidet in Hemd und Frack betritt das komplette Personal die Bühne. Links (vom Bühnenplatz aus gesehen) ein Duo an Schlagzeug und Gitarre, in der Mitte acht Stühle hinter ebenso vielen Mikrofonen. Der Schlachtbericht von Odysseus und Diomedes prasselt als Textgewitter ins Publikum, mittels Beatboxeinlagen gellen die Schreie der angreifenden Amazonen, Lanzen klirren, Funken sprühen, Soldaten ächzen. Man sieht das alles, obgleich doch nichts weiter gezeigt wird als eine Ansammlung aufgeregt deklamierender Schauspieler. Man sieht Amazonen den Abhang herabstürzen, sieht Achilleus sein Schwert schwingen, sieht Pferde fliehen und Pfeile fliegen. Das Kopfkino nach bester Hörspielart gibt die Richtung vor: Nicht im Sichtbaren wird sich an diesem Abend das Wahre, Schöne und Gute offenbaren, sondern in der sinnlich kaum fassbaren Substanz des Unbewussten, mithin höchst Privaten.

Nach und nach schälen sich die Krieger aus Frack und Hemd, Griechen wie Amazonen. Und die einen wie die anderen sind nichts weiter als eine kampfbereite Masse, uniform gekleidet, Öffentlichkeit ohne jeden individuellen Ausdruck. Penthesilea (Jana Schulz) ist bloß eine von vielen, auffällig höchstens in ihrer betonten Unauffälligkeit: eine schmächtige, blasse Person, schweigsam, introvertiert. Ja, so unscheinbar ist sie anfangs in der Tat, auch wenn man das später nicht mehr glauben mag, angesichts der schier unglaublichen Entwicklung dieser Figur. Ihre Begegnung mit dem korpulent-kräftigen Achill (Markus John) stößt in Penthesilea einen Bewusstseinswandel an, der in seinen äußeren Ausformungen an einen Krankheitsverlauf erinnert. Fiebrig irrend, aggressiv und beherrscht zugleich fixiert sich die Amazonenkönigin auf den Feind, dem in Wahrheit ihre Liebe gilt. Es ist ein von der öffentlichen Konvention auferlegter Widerspruch, der Penthesilea sukzessive in eine Hysterie treibt. Eine Hysterie, die im Gegensatz zu den üblichen Hysterie-Erscheinungen auf deutschsprachigen Bühnen zu keiner Zeit nervt, sondern als Ausdruck schicksalhafter Verstrickung verstört: Diese Penthesilea rast im Stillstand.

Als sie dann endlich glauben darf, Achill besiegt zu haben, Krieger und Königin einander ihre Liebe gestehen, hält die Amazonenschwester Prothoe (Julika Jenkins) dreist eine Videokamera auf die intime Szene. Privatestes wird öffentlich: Was niemanden zu interessieren hat, erscheint groß auf einer vom Schnürboden herabgelassenen Leinwand. Das mediale Abbild erschlägt die Wirklichkeit, und nichts anderes ist hier beabsichtigt.

Liebe zwischen Krieger und Amazone – dass das nicht geht, daran ist niemand anderes als die Öffentlichkeit schuld: Der Staat im Reich der Penthesilea, das Heer bei Achill. Die Masse denkt mit Augen, erkennt bloß die sinnlich offenkundigen Gegensätze, nicht die verborgenen Gemeinsamkeiten. „Was im Weltlauf er noch nicht gesehen, das kann er auch nicht fassen“, beschreibt Achill in leichter Abwandlung vom Originaltext das Unvermögen seines schärfsten Kritikers, Odysseus (Heiko Raulin) – und bringt damit das Kernproblem einer medial dominierten Öffentlichkeit auf den Punkt.

Mit dem „Käthchen von Heilbronn“ hat Roger Vontobel am Hamburger Schauspielhaus bereits im vergangenen Jahr ein Kleist-Drama überzeugend in Szene gesetzt. Jetzt die konzeptionell hochinteressante und darstellerisch herausragende „Penthesilea“-Produktion: Der Mann scheint Kleist verstanden zu haben.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 19. September und 8. Oktober, jeweils um 20 Uhr.

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