Wer nichts kann, wird Despot: „Mein Kampf“ am Schauspielhaus Hannover

Letzte Chance als Diktator

Als Künstler gescheitert, bleibt nur noch eine Lösung: Diktator auf Lebenszeit. Zumindest dafür reicht es bei Hitler (Lisa Natalie Arnold).
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Als Künstler gescheitert, bleibt nur noch eine Lösung: Diktator auf Lebenszeit. Zumindest dafür reicht es bei Hitler (Lisa Natalie Arnold).

Hannover - Von Jörg Worat. Darf man mit dem Entsetzen Scherz treiben? Einer nahm sich dieses Recht und schrieb eine Farce über Adolf Hitler: George Tabori, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde. Im Schauspielhaus Hannover lief nun die Premiere von „Mein Kampf“.

Ein junger Mann aus Braunau am Inn findet sich in einem Wiener Männerasyl ein, wo sich der jüdische Buchhändler Schlomo Herzl seiner annimmt. Als der raubauzige Neuankömmling alle Hoffnungen auf eine Künstlerlaufbahn mangels Talent aufgeben muss, versucht Herzl, ihn auf andere Ideen zu bringen. Wie wär‘s mit einem speziellen Schnitt des Schnurrbarts, und wie wär‘s mit einer Karriere als Politiker.

Regisseurin Mina Salehpour, der zuletzt mit „Alles ist erleuchtet“ nach dem Roman von Jonathan Safran Foer in der Cumberlandschen Bühne eine Sternstunde gelang, hat diesmal einen etwas eigentümlichen Spannungsbogen gewählt. Und eine rätselhafte Zuordnung: Wenn es irgendeiner Logik folgt, sämtliche Figuren mit Ausnahme des Herzl gegen das Geschlecht zu besetzen, erschließt sich diese nicht recht.

Der Einstieg gerät dabei durchaus überzeugend. Wie sich Christoph Müller als Herzl und Beatrice Frey in der Rolle des leicht entrückten Kochs Lobkowitz die Pointen zuwerfen, ist ein Musterbeispiel für gutes Timing und Artikulation. Auch der erste Auftritt Hitlers zeugt von großer Schauspielkunst: Lisa Natalie Arnold macht im Hintergrund aus der eigentlich ja nicht sonderlich schwierigen Aufgabe, eine Leiter hinabzusteigen, eine Clownsnummer par excellence. Auch im Folgenden hat sie fast durchweg ein feines Gespür für das rechte Maß an Komödiantentum. Es wird viel gelacht im Publikum, und zwar an den passenden Stellen.

Der Bruch kommt ungefähr mit dem Erscheinen von Herzls jugendlicher Freundin Gretchen. Darsteller Daniel Nerlich kann dafür noch am wenigsten, weiß er doch alberne Klischees zielsicher zu vermeiden. Nerlich darf zudem als mondäne „Frau Tod“, die Hitler keineswegs als Opfer, sondern als Handlanger rekrutieren will, alle Register ziehen – inklusive offenbar improvisierter Einlage, als ihm der hohe Hut vom Kopf sinkt. Irgendwann scheint jedoch der kammerspielhafte Charakter der Inszenierung ausgereizt und die große Bühne mit ihren paar Rumpelkram-Elementen überdimensioniert.

Nach der Pause soll dann offenbar einiges an Action nachgeholt werden. Es gibt eine Art Showtreppe, „Personal-Jesus“-Gesang, Tanz, Glitterfontänen und eine slapstickhafte Verfolgungsjagd. Beatrice Frey stürzt sich in eine zugespitzt unappetitliche Rede über die Zubereitung von Federvieh und mutiert schließlich selbst zu einem solchen. Das ist alles nicht schlecht, aber es ist unter dem Strich unentschieden. So unentschieden wie das Programmheft mit seinem Themenmix aus Chaplin, Pegida, Bruno Ganz und Hühnerrezepten.

Reaktionen: der übliche Premierenbeifall und ein erbittertes Buh.

Weitere Vorstellungen: 16. und 22. Dezember, 05., 08., 12., 19. und 29. Januar, 19.30 Uhr, Schauspielhaus Hannover.

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