Beckett in Bremen: Steckel führt zwei Clowns durchs „Endspiel“ der Gattung

Nicht wieder Menschheit

Bremen - Von Johannes BruggaierLange nichts mehr über Samuel Beckett gehört. Am Bremer Theater zum Beispiel liegt die letzte Produktion schon Jahrzehnte zurück. Beckett, so scheint es, ist ausgelesen und abgespielt.

Vielleicht deshalb, weil sein Absurdes Theater – in der Nachkriegszeit noch eine willkommene Metaerzählung zur vorherrschenden Sinnkrise – heute wie ein Anachronismus wirkt. Derart schnell türmen sich gegenwärtig immer neue Herausforderungen auf, dass die Gesellschaft über Sinnfragen kaum mehr reflektieren kann.

Im Neuen Schauspielhaus hat sich jetzt Frank-Patrick Steckel an dieser Reflexion versucht. „Endspiel“ ist die traurige Geschichte vom Ende der Menschheit und ihrer beiden letzten Vertreter: der eine ein Blinder, der nicht gehen, der andere sein Diener, der nicht sitzen kann. Sie können einander kaum mehr ausstehen, doch keiner vermag ohne den jeweils anderen zu überleben, weil die Welt da draußen schon längst untergegangen ist.

Bei Steckel findet dieses trostlose Duett in einem schwarzen Zirkuszelt statt (Bühne: Sabine Böing). Verkohlte Wandelemente zeugen von jener apokalyptischen Katastrophe, der diese beiden als einzige entkommen sind. Ausgerechnet zwei Clowns sind es, die von der Vorsehung verschont wurden. Hamm (Gerhard Palder), der Lahme und Blinde, auf seinem lächerlichen Zahnarztstuhl. Und Clov (Jan Byl), der Gehende und Sehende in überdimensionierten Schuhen und alberner Fellmütze.

„Aus! Es ist aus!“, ruft Clov, kaum dass der Abend überhaupt begonnen hat. Es ist ein freudiger Ausruf. Das ist bemerkenswert, weil er dem vermuteten Ableben seiner eigenen Lebensversicherung gilt: dem gelähmten Hamm, Herr über den Geheimcode zum prall gefüllten Vorratsschrank. Aber es ist natürlich noch nicht aus. Hamm hat nur ein wenig die Luft angehalten, hat sich tot gestellt, um sich gleich darauf wieder lustig zu machen über die Zwecklosigkeit dieser letzten Lebenserhaltung auf dem verwüsteten Planeten Erde.

Leerlauf aller

Bemühungen

„Es wird Zeit“, kräht er jetzt mit bitterer Stimme: „Es wird Zeit, dass alles endet. Und doch: Ich zögere zu enden. Ja, da haben wir’s.“ Das Zögern, geschuldet einem längst sinnlos gewordenen Selbsterhaltungstrieb, dient einem absurden Kampf ums Überleben. Zugleich aber zeigt sich in Hamms Spott über den Ausnahmezustand auch das Extrakt unseres von diversen Ablenkungen aufgehübschten Normal-Lebens. Dann zum Beispiel, wenn er vom Leerlauf aller Bemühungen spricht: „Das Ende steckt im Anfang. Und doch macht man weiter.“ Oder auch: „Nie hat man Zeit. Und jetzt ist sie um.“ Es sind kluge, wahre Sätze, und gerade das macht sie so abscheulich. Clov, der den tödlichen Schlusspfiff zu diesem „Endspiel“ eben noch kaum erwarten konnte, hört sie sich mit stummer Wut an. Ein Clown, der sich vor der Komik seines eigenen Daseins ekelt.

Bei Beckett vegetieren noch Hamms Eltern, zwei weitere Überlebende, in Mülltonnen vor sich hin. In Bremen sind diese Tonnen bereits verschlossen – ihre Bewohner allem Anschein nach längst verstorben. Lediglich im seitlich angebrachten Fernseher wird „Nagg“, Hamms „verfluchter Erzeuger“ sichtbar, wenn sein Sohn alte Aufnahmen aus dem Familienarchiv abspielt. Welches Video er auch einlegt: Immer reißt sein Vater denselben Witz. Den Kalauer vom lieben Gott, der die Welt in sechs Tagen auf so fürchterlich schlampige Weise zusammengebastelt hat, dass es bis heute jedem Handwerker als Entschuldigung für lange Arbeits- und Lieferzeiten dient.

Indem Steckel das Personal ganz auf Hamm und Clov reduziert, indem er Erstgenanntem nicht einmal einen Rollstuhl gönnt und indem er auch noch einen Fernseher integriert, verschärft er die ohnehin schon prekäre Ausgangslage des Dramas. Im Ergebnis bedeutet das einen Zugewinn an ironischer Schärfe. So ermöglicht Glov seinem blinden Gebieter die Illusion der geliebten Rollstuhlfahrten mittels leichten Ruckelns am Sessel. Und der per Fernbedienung ständig neu abgerufene Genesis-Witz (bei Beckett nur einmal erzählt) führt die technischen Errungenschaften angesichts einer zerstörten Welt ad absurdum. Wenn Glov seinem Gegenüber die Welt da draußen beschreiben soll, zieht er jedenfalls das gute alte Fernrohr dem Fernseher vor.

Es ist großartig, wie fatalistisch Gerhard Palder den senilen Zynismus eines Todgeweihten interpretiert. Und es ist fast noch bemerkenswerter, wie Jan Byl das Leiden an eben diesem Zynismus mit dem Leiden an der ausweglosen Situation vereint.

Die seit jeher diskutierte Frage, ob Absurdes Theater wirklich eine absurde Welt zeigt oder vielmehr das absurde Verhalten ihrer Bewohner, lässt Steckel in dieser reizvoll rätselhaften Zirkusnummer bewusst offen. Beides ist möglich und das eine sogar als Folge des anderen denkbar. Zur Musik von George Strait („I’m ready fort he end of the world“) ergeben sich die letzten Menschen in der Geschichte schließlich ihrem Schicksal und warten auf den Tod. Gleich ist es also endlich wirklich „aus“ mit der Menschheit – da greift sich Hamm unvermittelt an den Kopf: „Wenn es nur nicht wieder los geht!“

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