„Bei allem sowieso vielleicht“: Fernsehmoderator findet für Last des Alterns und Lust der Jugend persönlichen Ton

Gar nicht so peinlich: Beckmann singt von Liebe

Kreiszeitung Syke
+
Reinhold Beckmann

Twistringen - Von Johannes Bruggaier. Man kann sich vorstellen, wie er das sagt, in seinem Fernsehstudio. Links Helmut Schmidt an seiner Mentholzigarette ziehend und rechts ein bedächtig, bisweilen umständlich fragender Reinhold Beckmann: Ob die Regierung nicht „bei allem sowieso vielleicht“ eher mal die Schulden abbauen sollte, statt die Rente mit 63 einzuführen.

Oder am Spielfeldrand mit Mehmet Scholl, kurz vor Deutschland gegen Italien: „Sag‘ mal Mehmet, sollte Jogi Löw nicht bei allem sowieso vielleicht eher auf ein System mit Doppel-Sechs umstellen?“

Doch Beckmann sagt diesen typisch verschlungenen Satz nicht. Er singt ihn. Und er tut dies nicht im Fernsehstudio oder am Fußballplatz, sondern auf CD. „Bei allem sowieso vielleicht“, heißt das Album zu seinem Sangesdebüt und so heißt auch dessen letzter Song. „Bei allem sowieso vielleicht / Du bleibst mein Weg, so nah so weit“: Es wird nicht ganz klar, ob man das als Liebeslied verstehen soll oder eher als Elegie – so unbestimmt wie der Titel selbst und wie auch das ganze Album.

Nun ist das Unbestimmte schlecht beleumundet, wem dieses Etikett droht, der muss sich mangelndes Profil vorwerfen lassen. Für Reinhold Beckmann gilt das nicht. Denn seine Unbestimmtheit ist zuallererst die Verweigerung von Klischees: eine selbst auferlegte Bescheidenheit, die darin besteht, mit ganz konventionellen Mitteln einen einfachen, unaufgeregten und doch persönlichen Ton zu finden.

Das gelingt am besten gleich zu Beginn dieses Albums. Hier sogar derart beeindruckend, dass man ungläubig im Booklet blättert. Ist das wirklich Reinhold Beckmann, ein Mann aus dem Showgeschäft, der gern mit offenem Hemdkragen posiert?

Wunderbar schlicht und ungekünstelt singt er von der Last des Alterns, von der Rettung in die Illusion, wonach die beste Zeit des Lebens ganz bestimmt erst noch bevorstehe. Dazu gesellen sich eine markante Basslinie mit zarten Klaviereinwürfen, viel Becken und für den Refrain ein dezenter Chor. „Das Beste kommt noch“, heißt es da, und wie richtig der Song damit liegt, beweist die sich unmittelbar anschließende Ballade „Bremen“.

Deren einfache Struktur mit melancholischem Gitarrenspiel zum nostalgischen Sprechgesang in den Strophen und ihrem umso knackigeren Refrain von denkbar übersichtlichem Tonumfang mag keine Sternstunde der Harmonieführung sein. Anrührend ist diese eingängig komponierte Erinnerung an eine nächtliche Spritztour mit der Jugendliebe durchs Steintorviertel trotzdem: eine gefällige Hommage an die Hansestadt, erdichtet von einem gebürtigen Twistringer.

Zwar stellt sich nach diesem furiosen Auftakt bald der Verdacht ein, der Künstler habe sein Pulver größtenteils schon verschossen. In ironisch gefärbten Songs wie „Charlotte“ oder „Plauderton“ drohen Pointen als Witzchen zu versanden, und für die Nummer „Dosenbier“ hat Beckmann dann doch etwas arg frech bei Cat Stevens‘ „Moonshadow“ abgekupfert. Das alles aber sind keine wirklichen Ärgernisse, sondern lediglich die üblichen Täler, ohne welche die Höhen gar nicht sichtbar wären. Und wenn Beckmann uns auf seiner Wanderung durch diese hügelige Klanglandschaft mal durch sonnige Country-Regionen führt und mal in eher dunklere Rockschuppen, so verleiht ihr das einen angenehm ausgewogenen Abwechslungsreichtum.

Es hätte peinlich werden können wie so manch anderer unerbetene Ausflug von Film- und Fernsehstars ins musikalische Geschäft. Am Ende aber ist Beckmann ein solides, ziemlich angenehmes Album geglückt.

Beckmann & Band: „bei allem sowieso vielleicht“, Electrola/Universal 2014; 16,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare