„Hals der Giraffe“ im Schauspiel Hannover

Nicht nur durchgeknallt

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Die richtige Dosis Irrsinn: Beatrice Frey als Frau Lohmark.

Hannover - Von Jörg Worat. Da sitzt man nun auf seinem Stühlchen und kann lesen, was auf den Rückenlehnen in der Vorderreihe geschrieben steht.

Ein Stempel weist die Sitze als Eigentum des „Charles-Darwin-Gymnasiums“ aus, doch es gibt weitere Beschriftungen: Hier hat jemand ein knackiges „Love“ hingekritzelt, dort lässt ein anderer Schmierfink den Leser wissen, dass „Ellen stinkt“.

Nein, wir sind nicht in der Schule, sondern in der Cumberlandschen Galerie, der Experimentalbühne des Staatsschauspiels. Und doch bekommen wir mächtig die Leviten gelesen, nämlich von Inge Lohmark, einer altgedienten Lehrerin für Biologie und Sport irgendwo im Meck-Pomm-Hinterland. Nehmen wir doch an einer Theaterfassung von Judith Schalanskys Erfolgsroman „Der Hals der Giraffe“ teil.

Man könnte konstatieren, dass unsere Lehrkraft für diese 75 Minuten prinzipientreu ist. Sie glaubt steinhart an ihr Verständnis von Natur, soll heißen, an das Recht des Stärkeren. Jedes Wesen groß und klein hat für Lohmark einen festen Platz auf dieser Welt, einschließlich der Schüler – in jeder, wirklich jeder Klasse gäbe es eben die Archetypen: den prolligen Anführer, die Streberin, das Opfer (das in diesem Fall Ellen heißt und offenbar Bezugspunkt des derben Graffitos ist).

Nachvollziehbar, dass der Pädagogin die meisten Kollegen missfallen, vor allem der Schulleiter, der mit so absurden Begriffen wie „Kreativität“ operiert. Anbiederung, das alles, und Lehrer, die sich von ihren Schülern beim Vornamen nennen lassen, nehmen sie nach der Lohmarkschen Logik auch zum Kuscheln mit ins Bett.

Das ist natürlich starker Tobak, und ja, es ist zuweilen völlig überzogen, und ja, es ist manchmal ziemlich komisch, und ja, es ist nicht ausschließlich durchgeknallt, scheint doch in all den kruden Thesen bei genauer Betrachtung das eine oder andere Körnchen Wahrheit verborgen zu sein. Trotzdem würde der Text niemals funktionieren, wenn es keine Brechungen gäbe. So driftet er hier und da fast unmerklich ins Entrückte: Die detailgenaue Beschreibung, wie der Ehegatte einst als Besamungstechniker für Rinder tätig war, wäre schon bizarr genug, dass er inzwischen jedoch eine Straußenzucht aufgemacht haben soll, befremdet dann doch endgültig. Außerdem ist da die Schülerin Erika, die auf Lohmark eine eigenartige Faszination ausübt, im weiteren Verlauf mit deutlich erotischen Untertönen. Und ein einziges Mal verliert die gestrenge Lehrerin vollkommen die Contenance: Warum nur, fragt sie kreischend, will die in die USA ausgewanderte Tochter so gut wie nichts mehr von ihr wissen?

Bei diesem Mammutsolo könnte Regisseurin Helen Danner noch so stimmig inszenieren, ohne eine Darstellerin wie Beatrice Frey wäre sie verloren. Von hagerer Gestalt, strahlt die Mimin Autorität, Unbeugsamkeit und gleichzeitig genau die richtige Dosis Irrsinn aus. Niemand kann ihrer Aura entkommen, zumal in der Cumberlandschen Galerie bekanntlich auf Tuchfühlung gespielt wird, so dass der Besucher auch die Aufschrift „Königsberger Klopse“ auf der Dose lesen kann, die sich die Lehrerin warm gemacht hat – die Szene wird nicht appetitlicher dadurch, dass Lohmark direkt zuvor ein rattenähnliches Pelztier seziert hat.

Das Hauptproblem eines solchen Textes ist der Schluss: Sollte er besser offen bleiben oder eine Pointe bieten? Hier sind es deren gleich zwei, deren Tauglichkeit durchaus diskutabel erscheint. Gleichwohl: Stoff zum Nachdenken, schräger Humor, Kurzweil und Schauspiel zum Anfassen – sehr viel mehr kann man im Theater kaum verlangen.

Nächste Vorstellungen: am 29. Oktober sowie am 3. und 27. November, jeweils um 20 Uhr im Schauspielhaus Hannover, Cumberlandsche Galerie.

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