Rüdiger Safranski legt eine neue Biografie vor und beschränkt sich dabei ganz auf die Primärliteratur

Nicht bloß die Speisekarte studiert: Goethes untragisches Leben

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes BruggaierNoch eine? Wirklich eine weitere Biografie über den längst rundum ausgeleuchteten Titan der deutschen Geistesgeschichte? Neues, so viel ist sicher, dürfte es zum Leben des Johann Wolfgang von Goethe kaum mehr zu sagen geben. Vielleicht aber Anderes.

Fast aufreizend stellt Rüdiger Safranski, Autor dieses jüngsten Anlaufs auf die nur allzu vertraute Gestalt, das „Wie“ über das „Was“. Keine Fleißarbeiten im Archiv, keine spektakulären Funde und somit auch keine knalligen Thesen. Statt dessen: Werke, Briefe, Tagebücher – das ganze altbekannte Arsenal an primären Textquellen. Goethe, so Safranskis Idee, soll in diesem Buch auftreten „wie zum ersten Mal“. Und mit ein wenig Glück könne der Leser im Spiegel dieses Auftritts sich selbst erkennen.

Goethe also, diesmal ganz unbelastet von all dem germanistischen Wissenswust: Das setzt für eine erhebliche Strecke dieser Biografie ein gehöriges Maß an Geduld voraus. Denn gerade, was die Kindheit und Jugend des Dichters betrifft, vermag ein literarhistorisch bewusst uninformierter Blick nun mal wenig mehr zu entdecken als die schon unzählige Male vorgebrachten Fakten: die Förderung durch den ehrgeizigen Vater, Hausbesetzung im Siebenjährigen Krieg, erste Theatererlebnisse. Erst allmählich lässt sich so etwas wie ein Grundmuster erahnen: eine von familiären wie gesellschaftlichen Umständen geprägte spezifische Form der Wahrnehmung von Leben und Welt. Sie zeigt sich in einem Denken, das Einheit sucht, wo es Gegensätze findet.

Etwa in der ersten Erfahrung des Begehrens. Gestern, schreibt der junge Goethe, „machte das mir die Welt zur Hölle, was sie mir heute zum Himmel macht“. Derart erstaunlich erscheint ihm das Gegensatzpaar von Lust und Leid bei einem vermeintlich so wunderbaren Ding wie der Liebe, dass er ihm in einem Lustspiel („Die Laune des Verliebten“) auf den Grund zu gehen versucht. Goethe lässt seine Figuren an der wechselseitigen Eifersucht leiden und an gegenseitigen Beschwichtigungen scheitern. Rettung bietet schließlich nicht der Trost, sondern der Jammer. „Da er kein Elend hat“, lautet die paradoxe Einsicht, „will er sich elend machen“.

Dass Goethe an diesen Widersprüchen nicht zugrunde gegangen ist, hat die Deutschen schon immer verstört. Wer dichtet, muss leiden, zur Kunst gehört die Tragik. So kennen sie es von Kleist und Büchner, von Hölderlin und Heine. Und dann soll ausgerechnet dem Größten unter ihnen, dem Schöpfer von Selbstmördern wie Werther und Verdammten wie Faust, ein harmonisches, ja oftmals gar glückseliges Leben vergönnt sein?

Safranski zeigt einen Dichter, der es sich in den Paradoxien einzurichten versteht, bevor diese ihn zerreiben könnten. Sein Goethe legt sich mitunter zwei Identitäten zu, „eine wirkliche und eine ideele“. Seine Romanze mit Friederike Brion erscheint ihm als literarisiertes Leben, abgeleitet aus einem Roman von Oliver Goldsmith. Die „wirkliche“ Dimension in ihm macht sich dagegen von Anfang an keine Illusionen darüber, dass „frühzeitige Neigungen sich keinen dauerhaften Erfolg versprechen dürfen“.

Aus dem Denken in Polaritäten entwickelt Goethe auch seinen Geniebegriff. Der zuvor gängigen Vorstellung, wonach Schönheit und Natur eine Einheit bilden, mag er sich nicht anschließen. Kunst erscheint ihm vielmehr als „Widerspiel“ zur Natur, als „Bemühungen des Individuums, sich gegen die zerstörende Kraft des Ganzen zu erhalten“. Genius, das ist deshalb nicht die Kraft der Nachahmung von Natur, sondern eine Kraft, die gegen die Natur wirkt.

Es ist das Bewusstsein um die von Geburt an eingeschriebene Ambivalenz des Menschen, um den Widerstreit von Natur und Kultur, die Goethe in Weimar den Spagat zwischen politischem Amt und poetischem Drang ermöglicht. Mehr noch: In seinem Drama „Torquato Tasso“ gelingt es ihm sogar, ebendiesen Widerstreit ästhetisch zu verarbeiten, eine vielleicht beispiellose Wechselwirkung von Kunst und Leben.

Es gibt viele kluge Gedanken in diesem erklärtermaßen „erstmaligen“ Auftritt des Johann Wolfgang von Goethe. Herausragend aber ist, wie Safranski in wenigen Sätzen „Faust“ als Vorgriff auf das „Betriebsgeheimnis der Moderne“ kenntlich macht. Der Widerspruch des hinaufstrebenden Menschen, Faust, und des hinunterziehenden Gegenparts, Mephisto, löst sich auf in eine dritte Dimension. Statt „hinauf“ oder „hinab“ heißt es: „hinaus“ ins volle Leben. Die Moderne, schreibt Safranski, „will nicht mehr hinauf, denn sie hat entdeckt, dass der Himmel leer ist.“ Die überschwängliche Leidenschaft aber, die einst dazu geführt habe, dass man Gott erfand: Diese Leidenschaft sei geblieben und habe sich lediglich in eine Leidenschaft de Welterkundung und -bemächtigung umgewandelt. Globalisierung statt Kosmisierung.

Safranskis Goethe ist der Gegenentwurf zu den Aufklärern seiner Zeit. Anders als etwa Schiller war er um eine Korrelation von Erkenntnis und Leben bemüht, oder wie sein Biograf es treffend formuliert: „Er wollte essen und nicht bloß die Speisekarte studieren.“ Bei Safranski dürfen wir uns mit zu Tisch begeben. Er ist reichhaltig gedeckt.

Rüdiger Safranski: „Goethe – Kunstwerk des Lebens“, Carl Hanser Verlag: München 2013; 752 Seiten; 27,90 Euro.

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