Neues aus der Provinz I: Rolf Lapperts „Pampa Blues“ in Oldenburg

Es fährt kein Zug ab Nirgendwo

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Jürgen Müller (Willi), Thomas Hellmond (Kuddel) und Walter Korfé (Otto) warten im Dorfkrug auf bessere Zeiten.

Oldenburg - Von Rolf Stein. Nicht viel los in Wingroden. Kein Dutzend Menschen lebt mehr hier, die meisten haben das meiste schon hinter sich. Aber leben müssen sie ja trotzdem. Der Mann, dem das halbe Dorf gehört, will das Ruder noch einmal herumreißen. Während der junge Ben sich zwischen seiner Neugier auf die große weite Welt und der Sorge um seinen dementen Opa Karl zerreibt, um den er sich kümmert, weil der Vater tot und die Mutter mit mäßigem Erfolg als Jazz-Sängerin unterwegs ist.

Ein bisschen viel für einen jungen Mann. Und auch nicht wenig für einen Theaterabend, der die Verödung der Provinz, Generationenkonflikt und demografischen Wandel nebst einer Liebesgeschichte unter Coming-of-age-Umständen und einen Kriminalfall erzählen will. Wozu noch die wahrscheinlich nicht völlig abwegige Geschichte eines Mannes kommt, der sein Dorf mit eher unlauteren Mitteln retten will.

Der Schweizer Autor Rolf Lappert hat das als Jugendroman aufgeschrieben, vor einigen Jahren erhielt er dafür den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis, für die Verfilmung schrieb er auch das Drehbuch. Michael Uhl, leitender Regisseur des Niederdeutschen Schauspiels in Oldenburg, hat nun eine neue Bühnenfassung vorgestellt, die am Sonntag am Staatstheater Premiere feierte. Dass Uhl sich auf derlei Dorfporträts versteht, hat er zuletzt mit einer niederdeutschen Fassung von Lukas Moodyssons Film „Fucking Åmål“ unter dem Titel „Nix as weg“ bewiesen. Der „Pampa Blues“ hingegen scheint ihn selbst erwischt zu haben. Wo ihm mit „Nix as weg“ auch dank eines sehenswerten jungen Ensembles ein packendes Drama um sexuelle Identität geriet, verliert sich „Pampa Blues“ in seinen Erzählsträngen, wobei es nicht sonderlich hilfreich ist, dass das Erzähltempo dörflicher Gemütlichkeit entspricht.

Zudem wirkt „Pampa Blues“ konzeptionell unentschlossener: Die Bühne (Anna Sörensen) zitiert mit auf den Boden geklebten Linien als Markierungen für Gebäude Lars von Triers minimalistisch inszenierte, in den USA angesiedelte Gesellschaftsallegorie „Dogville“, während Balkan-Jazz eine Spur in Richtung Emir Kusturicas „Schwarze Katze, weißer Kater“ legt – klar: Nirgendwo kann überall sein. Allerdings hat der zweistündige Abend weder die Brisanz von „Dogville“, noch den turbulenten Rhythmus des Kusturica-Films. Für Ersteres ist Lapperts Stück wohl auch einfach zu freundlich – für Zweiteres dessen Figuren zu normal, auch wenn es in Wingroden immerhin einen traumatisierten Tschetschenien-Veteranen gibt, Dorfmogul Maslow mit seiner Idee, aus Wingroden einen Wallfahrtsort für Ufo-Gläubige zu machen, Kusturica-kompatibel wäre. Und Jojos Versuch, seine große Liebe Anna aus dem Gefängnis zu befreien, ist großes Kino.

Ansonsten deutet der Abend die emotionale Intensität, die sich aus den Gemütslagen des heranwachsenden Ben mit seiner Lust aufs Leben herstellen könnte, in norddeutscher Wortkargheit eher an, während der daraus abgeleitete Humor in den Standards des Niederdeutschen Theaters verwurzelt scheint, die in Oldenburg mit dem erwähnten „Nix as weg“ oder dem ebenfalls von Uhl inszenierte „Moby Dick“ erfreulich gern transzendiert werden.

Diesmal ist das Unternehmen, niederdeutsches Theater auf die Höhe der Zeit zu bringen, weniger überzeugend ausgefallen. Immerhin: Thorge Cramer als identitätskriselnder, sehr nordddeutscher Ben Schilling und Dieterfritz Arning als Opa Karl, der mit brüchiger Intensität seiner großen Liebe hinterhertrauert, sind auch und gerade als Opa-Enkel-Kombi höchst sehenswert, mit ein paar Abstrichen macht auch Sophia Gerdes als Lena Kramer ihre Sache gut, wobei sie das bisweilen ein bisschen zu verträumt durch die Welt hüpfende Gegenstück zu Ben ist. Denn so naiv, wie es scheinen könnte, ist sie eigentlich gar nicht.

Nächste Vorstellungen: Dienstag, 26. Januar und Samstag, 30. Januar, 20 Uhr, Staatstheater Oldenburg, Kleines Haus

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