Neues aus der Provinz III: Matthias Nawrat

Hunger, immer wieder Hunger

+
Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Mareike Bannasch. Eigentlich sollte er schon lange gestorben sein, von den Nationalsozialisten hingerichtet – oder den Kommunisten. Im Polen des 20. Jahrhunderts weiß man ja nie so genau, wer einem da gerade nach dem Leben trachtet. Opa Jurek lebt aber immer noch, leicht gebeugt vom Wind der Geschichte ist die polnische Kiefer nach wie vor da, um es einmal sinnbildlich auszudrücken. Zumindest bis jetzt, denn nun hat ihn Gevatter Tod doch noch in die Finger bekommen. Ein Grund mehr für die Familie, wieder einmal nach Opole zu reisen, tief in die polnische Provinz. - Von Mareike Bannasch.

Bereits mit seinem zweiten Roman „Unternehmer“ gelang Matthias Nawrat im Jahr 2014 das, was man gemeinhin einen Durchbruch nennt. Die Kritiker waren von der Kunstfertigkeit seiner Sprache und der feinen Ironie im Werk gleichermaßen begeistert, er gewann den Kelag-Preis. Gestern ist nun ein weiterer hinzu gekommen – der mit 6000 Euro dotierte Förderpreis zum Bremer Literaturpreis. Ausgezeichnet wurde sein aktuelles Werk, „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ – eine verdiente Wahl.

Wie der Titel schon vermuten lässt, kommen auf den Protagonisten in seinem langen Leben so einige Krisen zu – und doch schafft es der unverwüstliche Opa auf wundersame Weise, wenn auch manchmal denkbar knapp, dem Tod stets von der Schippe zu springen. Das erste Mal bereits als junger Mann, als er lange nach dem Beginn der Sperrstunde im besetzten Warschau zwei Wehrmachtssoldaten in die Arme läuft. So was kostet den Kopf, aber nicht den von Opa Jurek, ihn rettet ein schnell gereckter Hitlergruß vor dem Erschießungskommando. Um Massenmörder zu übertölpeln, muss man offenbar nichts weiter sein als ein ziemlich gewiefter Schelm. Oder ein unfassbarer Glückspilz.

In Nawrats Roman sind es die Enkel, die aus der „Wir“-Perspektive heraus in 32 kleinen Kapiteln dem Leben des Großvaters ein Denkmal setzen – und sich nebenbei an der Geschichte Polens und Europas im vergangenen Jahrhundert abarbeiten. Keine Überraschung, ist Matthias Nawrat doch ein oberschlesisches Spätaussiedlerkind, dessen Familie in Opole zu den Tausenden Ausreisewilligen gehörte, die es noch vor der Wende in die Bundesrepublik schafften und deutsche Staatsbürger wurden.

Bei solch einer Biografie muss bei einem Roman natürlich eine Familiensaga herauskommen, eine literarische Liebeserklärung des Enkelsohns an seinen Großvater – oder nicht? Ja, jedenfalls auf den ersten Blick. „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ ist aber auch ein elegant erzähltes Stück jüngere Geschichte, dem es mit feiner Ironie gelingt, das Bild eines längst vergangenen Polens zu zeichnen. Ein Land, das vom Hunger gezeichnet ist. Vom Hunger nach Lebensmitteln, die es weder in der einen noch der anderen Gesellschaftsform ausreichend gibt. Aber auch vom Hunger nach politischer Freiheit, die zwischen den Diktaturen ziemlich schwer zu bekommen ist. Und, nicht zu vergessen, vom Hunger nach Licht, Schönheit und Liebe. So etwas treibt an, auch Opa Jurek, dem in seinem Leben jede Form des Hungers mindestens einmal begegnet.

All das erzählt Nawrat mit einer sensiblen Sprache, die sich angenehm unaufdringlich mit dem Spannungsverhältnis zwischen der eigenen Biografie und dem Einfluss des Bösen auseinandersetzt. Da verzeiht man ihm auch gerne, dass die Schilderungen der schrecklichen Zeiten, zum Beispiel Opas Inhaftierung in Auschwitz, manches mal arg naiv daherkommen. Denn ehrlicherweise können sich die nachfolgenden Generationen dem Leben ihrer Großeltern oder Eltern oftmals nur mit einer großen Portion Gutgläubigkeit nähern – weil die ungefilterte Wahrheit in manchen Fällen einfach zu schwer zu begreifen ist.

Matthias Nawrat: „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“, Rowohlt Verlag, Hardcover, 400 Seiten, 22,95 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Virologe: Sars-CoV-2 bleibt dauerhaft

Virologe: Sars-CoV-2 bleibt dauerhaft

Umwelt-Drama: Diese sieben Reiseziele werden "dank" Kreuzfahrtschiffen komplett zerstört

Umwelt-Drama: Diese sieben Reiseziele werden "dank" Kreuzfahrtschiffen komplett zerstört

Das Motorrad fit für die Saison machen

Das Motorrad fit für die Saison machen

Mode-Klassiker der 1970er kommen zurück

Mode-Klassiker der 1970er kommen zurück

Meistgelesene Artikel

Der zweite Blick

Der zweite Blick

Zur Entspannung etwas Mozart

Zur Entspannung etwas Mozart

Klassenkampf mal ganz in Ruhe

Klassenkampf mal ganz in Ruhe

Doch die Verhältnisse sind zu stabil

Doch die Verhältnisse sind zu stabil

Kommentare