Neues aus der Provinz II: In „Glantz und Gloria“ erzählt Literaturpreisträger Henning Ahrens eine durchgeknallte Story

Dieser Fremde ist von hier

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Jens Laloire. Der deutsche Provinz-Mob ist eine Art Zombie-Musicalchor. Zumindest in Glantz, einem konservativen Kaff, das im Tal eines fiktiven Mittelgebirges namens Düster liegt und dessen Einwohner keine Fremden mögen. Dieses Glantz im Düster ist der Schauplatz von Henning Ahrens Roman „Glantz und Gloria“, für den der 51-jährige Schriftsteller gestern mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. - Von Jens Laloire.

Ahrens erzählt in seinem vierten Roman die Geschichte von Rock Oldekop, der in seinen Geburtsort zurückkehrt, um Klarheit über seine Vergangenheit zu erlangen. Als Sechsjähriger hatte er die Heimat verlassen, da das Elternhaus abgebrannt und die Eltern bei dem Brand umgekommen waren. Knapp 40 Jahre später kehrt er zurück in dieses Provinznest, das ihm mittlerweile fremd ist und ihn wie einen Fremden empfängt. Da trifft es sich eigentlich ganz gut, dass er abseits des Dorfes in der alten Mühle Unterschlupf findet – und zwar bei August Landauer, einem Zugezogenen, der vor Jahren die Mühle gekauft hat, aber von den Einheimischen nie als Ihresgleichen akzeptiert wurde.

Im Gegenteil: Die Glantzer wollen den Eindringling unbedingt loswerden, denn der ist nicht nur der Herkunft nach fremd, sondern außerdem ein Öko-Selbstversorger und militanter Vegetarier, der seinem Gast gleich in der ersten Nacht aus der Hand liest.

In dieser Nacht macht Oldekop aber auch Bekanntschaft mit dem einheimischen Mob: „Typen mit Crewcut und Backpfeifengesicht, Frauen mit Botero-Figur und buntschillernder Frisur“ haben sich vor der Mühle mit brennenden Fackeln aufgebaut und grölen parolenhafte Lieder, in denen von Ruhm, Ehre, Blut und Boden die Rede ist. Finster scheint es zuzugehen in Glantz, und irgendwie kommen einem die „Tussen und Typen“ mit ihrer Wut und ihrem Hass bekannt vor. Umso überraschender Ahrens Aussage, dass es „Pegida und diesen ganzen Spuk“ noch nicht gegeben habe, als er an seinem Buch schrieb. „Ich wurde von den modernen Gespenstern eingeholt, überholt,“ sagte Ahrens am Sonntagabend, als er im Rahmen der Literarischen Woche in der Bremer Glocke sein Buch vorstellte.

Bei Ahrens mutieren diese Gespenster zu Zombies, die sich nachts aus ihren Gräbern buddeln, um anschließend gegen die Fremden zu Felde zu ziehen. Und in dieser Schlacht zwischen den Einheimischen und den Fremden geht es ziemlich abgedreht zu. Nicht umsonst wird der Roman im Untertitel als „Trip“ bezeichnet, denn ein Trip im wahrsten Sinne des Wortes ist diese Story, die der Ich-Erzähler Oldekop hier zusammenfabuliert. Da geht es drunter und drüber, gerät manches durcheinander, mündet alles im Chaos. Klarheit gewinnt hier niemand, schon gar nicht Oldekop über seine Vergangenheit.

Ahrens scheint ein Faible fürs Skurrile und Durchgeknallte zu haben, aber vor allem auch große Lust auf das Spiel mit Sprachklang und Rhythmus. Man merkt dem Roman an, dass da ein Lyriker am Werk ist – insbesondere die Vermischung von poetischer mit derber Sprache ist famos. Zudem weiß Ahrens, der in Peine geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, wie es zugehen kann in einer eingeschworenen Dorfgemeinschaft, die alle Zugezogenen skeptisch beäugt: „Einmal Fremder, immer Fremder. Toleranz ist nur Tünche. Warum also assimilieren?“

Möglicherweise bereit zur Assimilation hingegen wäre Gloria, eine ehrgeizige Nachwuchsärztin, die zeitgleich mit Oldekop in Glantz eintrifft und ihm den Kopf verdreht mit ihren flachsblonden Locken. Wenn sie denn überhaupt existiert, diese Gloria, nicht bloß ein Hirngespinst ist inmitten dieser märchenhaften Groteske, die nichts ist für Fans von Strandkorbprosa, aber ein großer Spaß für alle, die Lust auf einen furiosen Sprachtrip haben.

Henning Ahrens: „Glantz und Gloria“, S. Fischer, 176 Seiten, 18,99 Euro.

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